Stolbergs Kapuzinerkreuz

Die Leidenswerkzeuge Christi an St. Lucia

Im Jahr 1737 war es schlecht bestellt mit dem katholischen Gemeindeleben in Stolberg. Pfarrer Johann Theodor Schram war alt und gebrechlich, Gottesdienst wurde unregelmäßig gehalten, die Spendung der Sakramente ebenso vernachlässigt. Jahre zuvor hielten schon Jesuiten Volksmission in Stolberg. Der Katholiken waren wenige und ihre Seelsorge alles andere als ideal.

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Burg und Gemeinde Stolberg mit Kirche St. Lucia um 1800

In der Wende vom späten Mittelalter zur Neuzeit war der Katholizismus in Europa schon in einer tiefen Krise. Skandale, Ablasshandel, Vernachlässigung der Seelsorge sind bekannte Phänomene, Luthers Kritik und die anderer kam ja nicht von ungefähr. Dieser Tiefpunkt zeigt sich auch architektonisch: Kirchenbauwerke der Renaissance sind selten. Die Belebung des religiösen Bewusstseins im 16. Jahrhundert führte zu einem umfänglichen und alltäglichen religiösen Denken, Leben und Handeln, wie es zuvor unbekannt war. Die Forschung spricht daher auch vom ‚Zeitalter des Glaubens‘ – das nun auch zusammenfällt mit dem ‚Eisernen Jahrhundert‘, also der kriegerischen Epoche Europas im 17. Jahrhundert. Vom Wesen der Religionen eigentlich ja zwei unvereinbare Phänomene.

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Kirche und Kapuzinerresidenz im 18. Jahrhundert

In Stolberg erlebten alle drei wichtigen Konfessionen unserer Stadt in der Mitte des 17. Jahrhunderts eine Blüte: St. Lucia wurde ausgebaut und als Pfarrkirche eingerichtet (wenn auch noch nicht kirchenrechtlich anerkannt!) und für Reformierte und Lutheraner je ein Gotteshaus errichtet.
Das evangelische Gemeindeleben florierte in der Folge, die katholische Gemeinde war klein und schwach, obgleich sie Unterstützung durch die ‚Glaubensfeinde‘ ihrer Zeit erhielt, also der anderen Konfessionen in Stolberg. Im ‚Zeitalter des Glaubens‘ hatte die katholische Kirche zur Gegenreformation aufgerufen: Barocke Baukunst als Zurschaustellung der Größe Gottes, Frömmigkeit im Alltag und regelmäßiger Empfang der Kommunion, um nur Eckpunkte zu nennen. Der Kampf unter der Muttergottes, Maria als Generalissima, der obersten Heerführerin christlicher Truppen gegen den ‚falschen‘ Glauben, wurde im Reich gegen Evangelische im Inneren und Moslems im Äußeren geführt – schließlich standen die Osmanen mit ihren Truppen nahe Österreichs und Ungarns vor den Grenzen des Reiches und kannten nach der damaligen Auffassung des Dschihad keinen Frieden mit Ungläubigen.
Das alte Patrozinium der Stolberger Kirche war die Dreifaltigkeit, in eben dieser Zeit dürfte das dritte hinzugekommen sein: der Muttergottes. Auch St. Lucia wurde nun hinzugefügt, aber wegen eines anderen Themas, dem Heilsversprechen an Ruhr-Erkrankte.

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Reformierte Finkenbergkirche, gegenüber gelegen

Im Jahr 1737 rief nun Freiherr von Cortenbach, Burgherr in Stolberg, nach Hilfe durch den Kapuzinerorden. Dieser war (und ist) einer der drei Hauptzweige der Franziskaner, also ein Bettelorden, der sich besonders am Rande der Gesellschaft, abseits großer Städte um Arme und Schwache kümmerte. Seit 1528 sind die Mitglieder des Ordens der Minderen Brüder Kapuziner in dieser Mission tätig, in braunen Kutten mit langer Zipfelmütze. Diese gab ihnen den Namen: erkennbar an ihrer Mütze, der cappuccio, ging dieser Name auf sie über. Auf den braunen Cappuccino übrigens auch.
Diese kamen nun nach Stolberg und übernahmen, ja erneuerten die Seelsorge und Gottesdienst. Pfarrer Schram wehrte sich anfangs, doch konnte er den Widerstand nicht aufrecht erhalten. Als Unterkunft bauten sich die Kapuziner ein Haus neben der Kirche, das bis heute als Pfarrhaus genutzt wird. Da es auf burgherrlichem Grund und auf unterherrlicher Initiative hin errichtet wurde, reservierte sich Freiherr von Cortenbach einen Raum in dem Bauwerk für sich.

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Katholische Kirche St. Lucia mit rekonstruiertem Barockhelm und in spätklassizistischer Erscheinung nach der umfassenden Erweiterung ab 1852

Seit fast dreihundert Jahren wird der Helm von St. Lucia bekrönt vom Symbol der Kapuziner, die in Armut und Demut für Arme und Kranke sorgten. Das Kapuzinerkreuz trägt drei der Leidens- oder Passionswerkzeuge Christi: die Dornenkrone, die Lanze mit dem essiggetränkten Schwamm sowie die Lanze, mit der die Seitenwunde zugefügt wurde.
Die Ereignisse des Karfreitags sind eindrucksvoll durch sprechende Symbole hoch über dem Stolberger Tal allgegenwärtig und zeugen von der Arbeit der Kapuziner, die einem niederliegenden Glaubensleben wieder zu Ansehen verschafft haben.
Zur gleichen Zeit hatte die Reformierte Gemeinde sich von Tilman Ruland ein neues prächtiges Kirchenschiff auf dem Finkenberg bauen lassen, da die Kupfermeister, mehrheitlich Mitglieder dieser Konfession, gerade auf dem Höhepunkt ihrer wirtschaftlichen Prosperität waren. Das Palais Rosenthal war ja ein weltlicher Bau eben dieser Jahre.

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Turmspitze mit Kapuzinerkreuz

Zu guter Letzt soll aber nicht verschwiegen werden, wie ein Kupfermeister zur Feier der Fertigstellung der Kapuzinerresidenz meinte, nun hätten die Reformierten fast das ganze katholische Gotteshaus bezahlt. Für die Seelsorge der eigenen Arbeiter zeigte man sich sehr spendabel.Der Hahn ist natürlich ein universelles christliches Symbol für die Wiederauferstehung: krähend begrüßt der Hahn jeden Morgen das neu erwachende Leben!

 

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Die Burg der Bürger

Der Burgverein und der Wiederaufbau 1950-1954

Die Burg, wie sie Moritz Kraus hatte erstehen lassen und den Stolbergern zum Geschenk gemacht hatte, bot am Ende des 2. Weltkriegs keinen schönen Anblick. Innen war vieles im Rohbauzustand, Türme waren einsturzgefährdet, Granaten hatten die Burg beschädigt, ein Tarnanstrich gab ihr eine fleckige Erscheinung und obendrein hatten die Stolberger in ihrer Not Dachziegel und Zinkplatten von den Dächern entwendet. Im Wiederaufbau hatte die Stadt dringende Aufgaben, die Burg hatte keine Priorität. Ja ein Abbruch war eine mögliche Option für das sanierungsbedürftige Bauwerk. Die Burg war in einem erbärmlichen Zustand und vielfach gefährdet.

Die Burg 1945 (Bild: Stadtarchiv)

Die Burg 1945 (Bild: Stadtarchiv)

Nach einer Besichtigung der Burg am 2. Juni 1950 gründeten Bürger den Verein zur Rettung und dem Wiederaufbau der Burg. Nach Kraus, dessen 100. Todestags wir dieses Jahr gedenken, nun die zweite Rettung. Diese Tage jährt sich die Gründung des Burgvereins zum 65. Mal. 1487 Menschen fanden sich in dem Verein zusammen. Dr. Franz Willems, Rektor des Mädchengymnasiums, Leiter der Stadtbücherei und Heimatkundler, hatte engagierte Bürger um sich versammelt, die Rettung aktiv in die Hand zu nehmen. Bei der Gründungsversammlung und zu anderen Gelegenheiten hielt er viel beachtete historische Vorträge, um die Geschichte Stolbergs und der Burgherren zu beleuchten. Er schaffte als Sprecher des Vereins den ideellen und wissenschaftlichen Rahmen für das Unterfangen „Wiederaufbau“. Stadtbaurat Dahmen zeichnete für die bauliche Umsetzung verantwortlich, Architekt Heinrich Bildstein unternahm bauarchäologische Untersuchungen und erarbeitete Rekonstruktionsversuche.

Aber so ein Projekt ist kostspielig und üppig waren die Mittel zu Beginn der 1950er Jahre nicht bemessen. Die Aussicht auf Landesmittel war schnell dahin. Der zuständige Landeskonservator bestand auf einen Außenverputz, gegen den man sich in Stolberg stemmte. So wurden erst einmal Sammlungen in Stolberg veranlasst. Schüler verkauften an allen Haustüren Siegelmärkchen zu je 10, 20 und 30 Pfennig, die mit historischen Bildern der Burg und dem Konterfei Kraus‘ gestaltet waren. Innerhalb von vier Junitagen ergab der Verkauf 2235 D-Mark. Die Zahl der Spender spiegelt wieder, dass fast jeder Stolberger Haushalt das Projekt unterstützte. Weitere Sammlungen und Benefizveranstaltungen erbrachten ähnliche Beträge, die man als Vergleich zum heutigen Euro-Wert etwa verfünffachen kann. Die Stadtverwaltung begrüßte das Engagement und unterstützte die Finanzierung durch Vervielfachung der Geldmittel. Der Baubeginn war im November 1950 und zog sich nun über vier Jahre. Pro Jahr wurden 40.000 D-Mark verbaut, angefangen von Sicherungen und Abbrüchen bis hin zu neuen Dächern und Umgestaltungen. Allein an Schiefer für die abgedeckten Dächer wurden 40 t für 9.000 D-Mark angeschafft.

sogenannte Siegelmarken für die Spendensammlung von 1950

sogenannte Siegelmarken für die Spendensammlung von 1950

Die Idee hinter dem Umbaukonzept war, das unverstandene Werk der Burgenrenaissance der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu purifizieren, um dem Charakter des 16. Jahrhunderts wieder näher zu kommen. Gründe und Streiter, die dem widersprachen, gab es auch. Sicherlich meinte man es auf beiden Seiten gut, diejenige der Erneuerer gab der Burg ihre imposante heutige Gestalt, die sie so nie hatte, aber seit nunmehr 60 Jahren alle Besucher begeistert. Jedoch wissenschaftshistorisch war dies eine Ausnahme, die dem Gedanken des Denkmalschutzes zuwiderlief, wie er seit 1900 in fortschrittlicher Weise entwickelt wurde. Konservieren sollte das Mittel der Wahl sein, von Rückbauten und Rekonstruktionen rieten internationale Bauhistoriker und Denkmalpfleger grundsätzlich ab. Es ist gut, dass Kraus‘ Werke nicht vollends abgebrochen wurden, doch ihre Überprägung brachte sie während des Umbaues in eine Form, die sie nie hatten: so hatte der Große Turm unter Kraus kein Zeltdach und zuvor hatte er in dieser Form ja nicht bestanden. Damit stellt er mit dem neuen Dach eine Neuschöpfung dar, keine Rekonstruktion. Für unseren Umbau möchte ich somit den sonst nicht gebrauchten Begriff „posthistoristisch“ verwenden, da Willems, Dahmen und Bildstein im Grunde dieselben Ideen leiteten wie Kraus seinerzeit: ein „echtes“ Mittelalter sollte in der Architektur wieder auferstehen, obwohl die Formen teils vollkommen neu waren. Es ist natürlich schön, die Renaissancehaube des Westturms seit 1953 für 16.000 D-Mark rekonstruiert wieder als Landmarke betrachten zu können. Von weiter reichenden Umgestaltungen, die Bildstein für alle Fassaden mit völlig neu konzipierten Fensteranordnungen und -gestaltungen visualisierte, sah man glücklicherweise ab. Auch die Ausstattung mit Schlagläden an den Fenstern wurde mehrfach überdacht, man entschied sich für eine teilweise Variante am Hauptgeschoss.

Entwurfszeichnung 1951, teils ausgeführt, H. Bildstein (Bild: Hochbauamt)

Entwurfszeichnung 1951, teils ausgeführt, H. Bildstein (Bild: Hochbauamt)

Stadtdirektor Eduard Voss stellte 1952 auf einer öffentlichen Versammlung die Vision der Burg als Zentrum der Kultur und Jugendarbeit vor. Vieles hatte man vor mit dem prominentesten Bauwerk in der Stadtmitte. So wünschte man sich den Rittersaal als Ort für kulturelle Veranstaltungen und weitere Räume sollten dauerhafte Ausstellungen aufnehmen. Alte und neue Kunst sollte Platz finden, aber auch historische Ausstellungen. Willems begründete die Reihe der „Beiträge zur Stolberger Geschichte und Heimatkunde“, die von der Stadtbücherei herausgegeben wurden – heute allen Interessierten bekannt als die lange Reihe der gelben Büchlein mit dem Charme der 50er Jahre. Wie Willems in seiner ersten der Reihe von heimathistorischen Veröffentlichungen schrieb, sollte die Burg „ein Haus der Geschichte werden und Fäden knüpfen zwischen einst und jetzt, denn auf dem Burgfelsen begann Stolbergs Geschichte“. So sollten die Burgräume auch ein Museum der Burggeschichte beherbergen, eines der Stadtgeschichte sowie industriehistorische Ausstellungen mit historischen und zeitgenössischen Objekten der Stolberger Messing- und Glasherstellung. Zu guter Letzt stellte man sich das Obergeschoss des Palas als Jugendherberge vor.

Umbau 1953

Umbau 1953

Die Fertigstellung des Burgumbaues wurde 1956 zusammen mit einem doppelten Stadtjubiläum tagelang gefeiert. Stolberg hatte nun wieder, dank der Initiative des Burgvereins, ein stolzes Wahrzeichen und die Verleihung der Stadtrechte durch die preussische Regierung 1856 jährte sich zum 100. Male. Das große Etikett „800 Jahre Stolberg“ hatte man sich jedoch etwas zurechtgerückt. Willems hatte sich darin verdient gemacht, Stolbergs Geschichte in einer Aufstellung der chronologischen Ereignisse und Übersetzung vieler mittelalterlicher Urkunden umfassend zugänglich zu machen. Die erste Nennung Stolbergs datiert nun ins Jahr 1118, und das war ihm somit bestens bekannt. Für einen schönen Stadtgeburtstag stellte man nun eine kaiserliche Urkunde Barbarossas von 1156 in den Vordergrund, die nun ein 800jähriges Jubiläum rechtfertigte.
Gerade in diesem Jahr hat dieser Umstand für Verwirrung gesorgt, kündigte die Stadtverwaltung doch an, im Jahr 2018 Stolbergs 900jähriges Bestehen feiern zu wollen. Da fragten einige Stolberger, die weit davon entfernt sind, selbst 100 Jahre alt zu sein: wie kann eine Stadt binnen einer Lebensspanne zwei runde Jubiläen begehen? Nun, diese Frage ist ja leicht geklärt. Was aus den ambitionierten Plänen für die Nutzung der Burg angeht, sind wir über das Ergebnis informiert, die Gründe liegen noch im Dunklen. Die Pläne einer Jugendherberge wurden schnell verworfen, baulich war dies ein Hirngespinst. Doch die sinnvollen Pläne von stadthistorischen Ausstellungen wurden nicht weiterverfolgt, man konzentrierte sich auf die Stolberger Industriegeschichte, die natürlich ein besonderes Gut für uns ist.

Kurz vor Fertigstellung 1954 (Bild: Stadtarchiv)

Kurz vor Fertigstellung 1954 (Bild: Stadtarchiv)

So wie die Burg nach 50 Jahren wiederum durch private Initiative strahlend bunte Schlagläden an den Fenstern erhielt, wie man sie auch schon zu Zeiten des Burgvereins in den 1950ern angebracht hatte, werden wir hoffentlich auch spätestens zum Stadtjubiläum 2018 endlich eine Ausstellung mit allen markanten Aspekten der Stadtgeschichte vorstellen können. 1950 musste gehandelt werden und engagierte Bürger haben angepackt und schafften es, den besonderen Wert der Burg für Stolberg herauszustellen. Für einige Jahre sank wiederum das Interesse, bis von 1985 bis 1987 nun 2,3 Millionen D-Mark verbaut wurden, um die Burg innen wie außen umfassend nutzen zu können. Seit einigen Jahren erleben wir nun wieder eine Zeit, in der man sagen kann: auf der Burg passiert etwas, ihre Bürger entdecken sie und nehmen sie für sich auf vielen Ebenen des Interesses in Besitz.

Die Burg 1975

Die Burg 1975

Moritz Kraus hat als letzter „Burgherr“ für ihre Wiederauferstehung gesorgt. Seit 1909 ist die Burg eine Bürgerburg, die seit 1950 wieder und wieder von neuen Generationen von Stolbergern entdeckt und neu für sich gewonnen werden muss. Jeder Burgherr hat schwere Pflichten an seinem anspruchsvollen Bauwerk, aber auch große Freude. In großer Not hat der Burgverein die Initiative ergriffen und ganz Stolberg half mit. Aber eigentlich ist ganz Stolberg ein Burgverein und wir alle sind Burgherren.

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Das Wappen der Herren von Efferen

Nach einigen Wochen ohne Blogbeitrag möchte ich im ersten Beitrag des neuen Jahres etwas über das Wappen des Stolberger Burgherrengeschlechts derer von Efferen und dessen Hintergründe beschreiben. In meinem Bildarchiv bin ich über den schönen Wappenaufriss, wie man eine heraldische Wappenzeichnung nennt, gestolpert, der 1605 im großen Wappenbuch des Nürnberger Wappenmalers Johann Siebmacher (1561- 1611) veröffentlicht wurde.

Vollwappen von Efferen (Siebmachers Wappenbuch 1605/1609)

Vollwappen von Efferen
(Siebmachers Wappenbuch 1605/1609)

Von Efferen

Das Geschlecht derer von Efferen ist ein altes Kölner Patriziergeschlecht, dass erstmals 1197 mit Gottschalk Overstolz Erwähnung fand. Der Legende nach wollte man sich aber bis zur römischen Stadtgründung zurückführen. Im 14. Jahrhundert wurden sie Jülicher Lehensleute und bauten die vor den Toren Kölns, heute in Hürth gelegene Burg Efferen aus und nannten sich in der Folge von Efferen. Die alte Linie Overstolz starb im 15. Jahrhundert aus. Frühere Stolberger Burgherren waren wohl anfänglich den Limburgern zur Treue verpflichtet, dann auch den Kölnern und schließlich seit 1396 gehörte Stolberg zum Herzogtum Jülich-Berg. So kam 1496 mit Vinzenz von Efferen der erste einer Reihe als Burgherr nach Stolberg. Die Efferens waren ja schon in Efferen selbst Lehnsnehmer der Jülicher Herzöge und waren es auch in Stolberg.

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Burg Efferen, Hürth, mit dem im späten 14. Jahrhundert erbauten Torturm, dem ältesten Teil der Burg.

Nach der fruchtbaren Vorarbeit vor allem der Herren von Nesselrode seit 1445, die in Stolberg die Burg neu erbauten und das Metallgewerbe etablierten, führten die von Efferen den Ausbau fort und fühlten sich lange hier wohl. Der letzte männliche Unterherr des Geschlechts war Johann Dietrich, der 1649 kurz nach Ende des Dreißigjährigen Kriegs starb und die Herrschaft auf seine Tochter Odilie übertrug, mit der die Unterherrschaft in den Besitz von Ferdinand Freiherr Raitz von Frentz überging. Die Raitz von Frentz waren wiederum ein Kölner Uradelsgeschlecht, das 948 erstmals erwähnt wurde. Mit den Nesselrodes, Efferens und Raitz von Frentz haben sich alte und einflussreiche Geschlechter in Stolberg lange wohlgefühlt. Schließlich konnte man gut von der Eisen- und Messingherstellung leben. Unter den Herren von Efferen wurde in Stolberg ein umfassendes Gerichtswesen eingeführt, die herrschaftlichen Rechte gefestigt und ausgebaut sowie eine aktive Pfarrgründung entgegen der Eschweiler Mutterpfarre betrieben. Sie setzten sich offensiv mit ihren Nachbarn auseinander, da die kleine und beengte Stolberger Unterherrschaft schwer zu behaupten war. Wirtschaftlich zwar extrem profitabel, politisch aber äußerst beschränkt und angreifbar. Die Herren von Efferen begründeten in 150 Jahren das, was später eine prosperierende Stadt werden sollte.

Das Wappen

Wappen sind in Europa seit dem 12. Jahrhundert belegt und waren adlige Erkennungszeichen. Diese wurden im Kampf getragen und ermöglichten eine eindeutige Identifizierung des Trägers, da die Rüstung und mehr oder weniger geschlossene Helme ein Erkennen im Kampfgetümmel erschwerten. Daraus resultiert die Form des Wappens, das auf den Schild des Ritters aufgemalt war.

Die Farben

Die Farben gehorchen in ihrer Anwendung strengen Regeln, ebenso wie die Gestaltung des Wappenschildes. In der Heraldik, der Wappenkunde, sind nur die Primärfarben Rot, Blau, Grün und Schwarz erlaubt sowie die beiden Metallfarben Gold/Gelb und Silber/Weiß. Jedes Wappen sollte aus mindestens einer Farbe und einem Metall bestehen, nach der Devise „so viel wie nötig, so wenig wie möglich“. Will sagen, ein Wappen soll möglichst kontrastreich in Farbe und gewähltem Motiv sein – Freund und Feind sollen den Träger schließlich schnell und eindeutig auch aus der Entfernung erkennen können. Ähnlich funktioniert es auch heute bei Verkehrszeichen. Kontrastreiche Gestaltung rettet Leben!

Moderne Verkehrszeichen: klare Verwendung von Primärfarben und kontrastreichen Formen.

Moderne Verkehrszeichen: klare Verwendung von Primärfarben und kontrastreichen Formen.

Das Effernsche Wappen zeigt eine klare Gestaltung in Rot-Gold, die die prachtvollsten und auch häufigsten Wappenfarben vereint. Gold ist edler als Silber und Rot die eindrucksstärkste Farbe. Somit sind Farben wie Braun, Grau, Orange oder Violett in Wappen nicht gebraucht worden. Heraldiker sprechen oftmals von der „Verfallszeit“, als seit der Renaissance Brüche und Unsitten in die Heraldik Einzug erhielten, die mit den mittelalterlichen und pragmatisch begründeten Regeln nicht vereinbar waren. Darunter fällt, dass jüngere Wappen manchmal doch Mischfarben enthalten oder auch Farbe auf Farbe bzw. Metall auf Metall enthalten – nach strengen heraldischen Regeln streng verboten! Denn um einen starken Kontrast zu erzeugen, dürfen sich nach heraldischer Auffassung verschiedene Farben oder Metall nicht berühren. Ein blaues Kreuz auf grünem Grund wäre auf Distanz schwer erkennbar. Andererseits gibt es Ausnahmen, die im Grunde die Regel bestätigen: der Vatikan trägt bis heute ein Wappen in Silber-Gold. Da liegt natürlich nahe, dass dem Papst in seinem Wappen nur die edelsten Farben zukommen und er vielleicht in seiner Position über weltlichen Regeln steht.

Der Schild

Auch wenn sich Wappenschilde und Verkehrsschilder in vielen Bereichen ähneln und das Wort selbst verwandt ist, heißt es ‚der‘ Schild bei heraldischen Schilden und bei anderen ‚das‘ Schild. Ein Wappenschild zeigt in den Primär- und Metallfarben verschiedenste Bilder, die in der ursprünglichen Absicht möglichst einfach gehalten sein sollten (und bis heute bei Wappen in ihrer gesamten Komposition einmalig sein sollten). Da gibt es geometrische Figuren, die sogenannten Heroldsbilder, sowie gemeine Figuren, also Darstellungen von Tieren, Pflanzen, Menschen, Fabelwesen, Bauwerken, Geräten, Waffen usw. Das Wappen der Efferens zeigt mit zwei waagerechten Balken und einem ‚Turnierkragen‘ oder ’nach unten gezinnten Balken‘ im Schildhaupt ein Heroldsbild. Die Overstolzen hatten drei abwärts gezinnte Balken im Wappen, als Herren von Efferen wurden die Lätzen der unteren Balken getilgt. Der Wappenschild ist jedoch nur Teil eines Wappens. Ein vollständiges Wappen, ein sogenanntes Vollwappen, besteht des Weiteren aus einem Helm, einer Helmzier und Helmdecken. Nur Städte oder andere Institutionen tragen keinen Helm.

Wappen der Overstolz

Wappen der Overstolz (heraldisch korrekt wäre die Helmdecke hier rot-gold, worauf die gewählte Farbe beruht, ist unklar. Auch die Neigung nach rechts ist bei einem Einzelwappen unheraldisch)

Die klassische mittelalterliche Darstellung zeigt somit stets einen Wappenschild, meist mehr oder weniger geneigt, darüber einen zeitgenössischen Helm und darauf eine Decke in den beiden Hauptfarben des Wappens sowie eine Helmzier. In dem Efferen-Wappenaufriss sehen wir einen aufrecht stehenden Schild, typisch für Renaissance und Barock. Die Schildform weist in die sogenannte nachmittelalterliche ‚Verfallszeit‘, da der Schild keinen echten Kampfschild darstellt. Es ist eine rein heraldische Schöpfung, die auf der ‚Tartsche‘ beruht. Eine Tartsche kam als Schildform im 15. Jahrhundert auf und besaß eine Auswölbung auf einer Seite, wo etwas Platz für die Lanze von Reitern geschaffen wurde. Diese asymmetrische Form wurde in der heraldischen Folgezeit gerne mit beidseitigen Ausbuchtungen versehen, so jedoch nie im Kampf oder Turnier getragen.

Im Prinzip zeigt die Darstellung eines Vollwappens einen Ritter auf seinem Pferd – reduziert auf die wesentlichen Attribute. Die Schild- und Helmform war nicht individuell, sondern nach dem Stand der Rüstungstechnik gestaltet. Im Codex Manesse, der reich bebilderten Liederhandschrift des 14. Jahrhunderts, finden sich zahlreiche Darstellungen von Wappen und Minnesängern.

Herzog Johann I. von Brabant (in der Schlacht von Worringen 1288) (Codex Manesse)

Herzog Johann I. von Brabant (in der Schlacht von Worringen 1288) (Codex Manesse)

Beispielsweise zeigt sie Herzog Johann I. von Brabant als Reiter mit Wappen und Helmzier im Kampf, der sich auch als Dichter einen Namen machte. Man erkennt, warum der Schild schräg stand und wie ein Ritter in voller Rüstung in seinem prächtigen Farbenkleid mit Helmzier auftrat: eine beeindruckende Erscheinung! Farbig, gepanzert, hoch zu Ross mit Helmzier obenauf musste ein Ritter mit einer Gesamthöhe von drei Metern unfassbar erscheinen. Nicht dreckig oder derb, sondern bunt und prächtig und alles andere als alltäglich. Zurück zu den Wappen: er trägt ein Allianzwappen mit dem Brabanter Löwen und dem Limburger Löwen in Silber-Rot. Das Letzte ist beispielsweise in Stolberg zu später Ehrung gekommen, als es in abgewandelter Form 1880 zum Stadtwappen erkoren wurde. Denn das älteste bekannte Wappen Stolberger Burgherren, der Herren von Frenz im 13. Jahrhundert, wurde zum Stadtwappen erklärt und dieses war damals eine Abwandlung des gräflichen Geschlechts der Herren von Limburg. Die Herren von Frenz, die Stolberg im 13. Jahrhundert in Besitz nahmen, wie auch vermutlich die Herren von Stalburg selbst, Begründer der hiesigen Burg, waren Vasallen der Limburger und übernahmen ihr Wappen. Jedoch wurden die Farben getauscht: nun fand sich ein silberner Löwe auf rotem Grund. Der schwarze Turnierkragen sowie die Bestreuung mit Steinen sind zusätzliche Unterscheidungsmittel. Der Turnierkragen (oder abwärts gezinnte Balken) wurde wohl als Stofflätzen vom Ritter um die Brust gelegt getragen und war gerade im Rheinland ein beliebtes Unterscheidungsmerkmal. Auch das Wappen der Herren von Efferen zeigt ihn in typischer Position im Schildhaupt, jedoch als Heroldsbild und nicht als Unterscheidungszeichen. Um den Löwenkopf nicht zu verdecken, ‚rutschte‘ er im Frenzschen Wappen in die Mitte.

Hartmann von Aue (Codex Manesse)

Hartmann von Aue (Codex Manesse)

Der Helm

Für Adlige war seit dem 16. Jahrhundert in der Wappenkunst der Bügelhelm vorgesehen, der aus einem Turnierhelm des 15. Jahrhunderts hervorging. Die ältere Variante des sogenannten Stechhelmes war nun dem Bürgertum in ihren Wappengestaltungen vorbehalten. Gerade in der (frühen) Neuzeit, als man in der Auslegung der Heraldik äußerst flexibel war, wurde dies auch oftmals ignoriert und beispielweise schmückten sich die Stolberger Kupfermeister gerne mit ‚adligen‘ Bügelhelmen.

Die Helmzier hatte eine echte, dreidimensionale Figur zum Vorbild, die der Ritter in Krieg und Turnier auf dem Helm trug. Sie kann Bezüge zum Wappenbild haben, also einen Löwen darstellen, wenn ein Löwe im Wappenschild zu sehen ist, oder etwas völlig anderes darstellen. Ursprünglich sollte die Helmzier den individuellen Träger innerhalb einer Familie identifizieren, doch sie verschmolz mit der Zeit fest mit dem Wappen. Die Familie von Efferen führte einen Elefanten als Helmzier. Warum, muss im Dunklen bleiben. Prinzipiell waren Tiere beliebt, die eine gewisse Stärke symbolisierten. Diese sind die dem Menschen nicht dienstbaren Tiere – Nutztiere, die auf dem Teller landeten, waren demnach eher ungewöhnlich. Ein Adliger wollte sich kaum mit einem Hausschwein, Huhn oder einer Kuh identifizieren lassen, Adler, Bären, Löwen waren hingegen beliebt. Es gab aber auch Helmzierden gestaltet als Hüte, mit Federbüschen, mit Flügeln, Köpfe von Tieren und Menschen, Pflanzenteilen, Gerätschaften wie Käfigen oder Windmühlen – der Phantasie waren keine Grenzen gesetzt. Hergestellt wurden diese Objekte aus Pappmachee, Gips, Holz und Draht. Im 15. Jahrhundert wurde es Mode, in Turnieren ihr Abschlagen vom gegnerischen Helm zum Ziel des Schaukampfes auszurufen. Vereinigte Wappen konnten mehrere Helmzierden der einzelnen Ursprungswappen tragen, wie das Wappen aus dem Siebmacher der Herzöge von ‚Iülich und Cleve‘ zeigt.

Wappen der Herzöge von Jülich-Kleve-Berg (Siebmachers Wappenbuch)

Wappen der Herzöge von Jülich-Kleve-Berg (Siebmachers Wappenbuch)

Die Helmdecke war stets in den Farben des Wappens gehalten, wobei immer das kostbare Metall die Innenseite ziert, während die Farbe dem Wetter ausgesetzt war. Schließlich war dieses Tuch ein Mittel, den metallenen Helm schmückend zu umwinden und ein Aufheizen in der Sonne zu vermindern. Da darauf die Helmzier als großer und teils sperriger Aufbau befestigt werden musste, zeigt die Heraldik für gewöhnlich bei Adelswappen eine Krone und sonst eine sogenannte Helmwulst, einen aus Stoff gebildeten Ring, die das Befstigungswerk selbst verschleiern sollte. Oben sehen wir im Efferenwappen eine Zeichnung, die dieses nicht unbedingt braucht, da der Elefantenkopf direkt aus dem Tuch hergestellt scheint. Da entfällt die Befestigung – man sieht, Heraldik ist recht pragmatisch. Ein grauer Elefantenkopf würde eine Krone als Kaschierung benötigen und ja: Helmzierden dürfen alle Farben beinhalten, sie können also naturalistisch sein und folgen nicht den heraldischen Farbregeln.

Zurück zu den Farben

Burg Stolberg mit Klappläden in den Stadtfarben

Burg Stolberg mit Klappläden in den Stadtfarben

Das Wappen der Efferen zeigt die häufigste Farbkombination in Rot-Gold. Das heutige Stadtwappen, zurückreichend auf das Wappen der Herren von Frenz, ist in Rot-Silber gehalten, ebenso wie zufälligerweise die Wappen anderer Burgherren Stolbergs, Schönforst und Reifferscheid. Aber diese sollen vielleicht ein anderes Mal thematisiert werden…

Gemäß der heraldischen Logik müssten die Stadtfarben Stolbergs Rot-Silber sein, da diese aus dem Wappen abgleitet werden müssten. Dem ist nicht so, wie jeder in Stolberg weiß und es ist gar nicht so unpassend, dass die Stadtfarben Rot-Gold – wohl zufällig – auf das große Geschlecht Stolbergs verweisen. Mit ihnen brachen in Stolberg ‚goldene‘ Zeiten an. Das Gold war zwar Messing, aber der daraus resultierende Wohlstand bewog vielleicht die Stolberger, sich mit Gold statt Silber zu schmücken.

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Altstadtsanierung im Zeichen des Historismus

Jeder Stadtraum ist eine lebendige Struktur, da in ihr Menschen mit ihrem Leben und Arbeiten, wechselnden Bedürfnissen und unterschiedlichen Mitteln weilen. Sie sorgen dafür, dass eine Siedlung permanentem Wandel unterworfen ist. Manchmal mehr, manchmal weniger. Wenig Wandel ist meist ein Zeichen von fehlenden Mitteln – ob Rothenburg ob der Tauber oder Stolbergs Altstadt. Für den Denkmalschutz sind dies glückliche Umstände, da frühere Baustrukturen erhalten bleiben. Heute ist es meist der Denkmalschutz, der historische Zustände einfriert. In Stolberg ist in dieser Angelegenheit die Altstadtsanierung der 1980er von besonderer Bedeutung, in der das alte Burgdorf seine heutige Gestalt erhielt. Städtebauliche und denkmalpfegerische Überlegungen gab es aber schon früher. Um 1900 machte man sich schon Gedanken und griff gestaltend in die alte Bausubstanz ein und das nicht zum Schlechten.

Ensemble der Burg und Altstadt auf einer Ansichtskarte

Ensemble der Burg und Altstadt auf einer Ansichtskarte, aufgenommen vor etwa dreißig Jahren

Jedes Konzept einer Umstrukturierung von Stadträumen ist geleitet von zeit- und ortstypischen Bedürfnissen. Die Sanierung der Altstadt vor dreißig Jahren war gekennzeichnet von der Schaffung eines attraktiven Lebensumfeldes. Ein moderner Wohnraum wurde geschaffen, der der historischen Architektur und Struktur der alten Straßen und Gassen genügen und gleichzeitig auch ein touristisches Ziel bieten sollte. Schließlich war nicht nur die Sanierung als Projekt an sich deutschlandweit ein Vorzeigeprojekt, das selbst von chinesischen Delegationen besucht wurde, um hier zu lernen. Auch die historische Altstadt mit der spätmittelalterlichen Burg im Zentrum sucht über viele Kilometer ihresgleichen. Neben der stadträumlichen Aufwertung und Sanierung der historischen Bausubstanz war eine Entkernung und Öffnung des Altstadtraumes umgesetzt worden. Das ansehnliche Ergebnis kennt aber auch einige Makel, wo die Abrißbirne zu Gunsten von Neu- und demnach zu Ungunsten von historischen Bauwerken vielleicht etwas zu schnell schwang.

Dies ist jedoch nichts im Gegensatz zu den Überlegungen einige Jahre zuvor. In den 1950er und 1960er Jahren herrschte eine modernistische Aufbruchstimmung, die weniger auf historische Werte sondern auf moderne Lebensweise fokussiert war. Die Idee des Abbruchs der ungeliebten Burg im Gewand der Kaiserzeit war abgewendet worden, doch Anforderungen des anwachsenden motorisierten Verkehrs an einen Stadtraum der Nachkriegszeit waren unerbittlich. Auch die Altstadt als zentraler Wohn- und Geschäftsraum Stolbergs sollte den großzügigen Straßen für bequemen Autoverkehr gerecht werden. Man zögerte nicht, die Niederlegung der südlichen Seite der Burgstraße zu planen – inklusive des Abrisses einiger der ältesten Häuser der Stadt und des ältesten erhaltenen Kupferhofes der Stadt von 1575, der so genannten Adler-Apotheke. Schließlich mussten in der ganzen Stadt zahlreiche historische Bauten und Kupferhöfe von höchstem historischen Wert weichen. Aber das soll ein andermal thematisiert werden…

Diese Überlegung wurde schließlich genauso fallen gelassen wie eine Umgehung der Altstadt über den Hammerberg hinter der Finkenbergkirche. Stattdessen entschied man sich für die Trasse jenseits des Hammerbergs, den Burgholzer Graben. Diese modernen Anforderungen an den Verkehr riefen in der Altstadt aber nicht erst die Stadtplaner der Nachkriegszeit zum Handeln auf, sondern bereits vor dem Ersten Weltkrieg am Beginn des motorisierten Zeitalters wollte man die Altstadt veränderten Verhältnissen anpassen.

Moritz Kraus hatte mit seinem Burgumbau gewissermaßen gestalterisch den Anfang gemacht. 1887 begann er den Umbau seines Schlosses, der so umfangreich wurde, das er auch auf die Altstadt ausstrahlte. Aus einem verlassenem Dornröschenschlösschen wurde ein prächtiger Vorzeigebau inmitten der engen Altstadtgassen, der sie überragte und einer neuen Ära den Weg wies. Die Burg rückte aus der Peripherie der Wahrnehmung wieder ins Zentrum, was jedoch nicht von langer Dauer war. In den 1950ern erfolgten mit dem Umbau der Burg weitere „Belebungsversuche“, die erst mit dem Ausbau der Burg in den 1980ern fruchteten. Aber das soll ier nicht weiter vertieft werden…

Plan zur Begradigung der Klatterstraße von 1912

Plan zur Begradigung der Klatterstraße von 1912

Da Kraus neben dem Kernbau der Burg auch ihre Außenbereiche entlang des Luciawegs, des damals schlicht Kirchweg genannten Wegs im Übergangsbereich architektonisch einbezog, sprang die Idee der Neugestaltung auf die Siedlung über. Oder eher auf die Bürgermeister Werner Fleuster, der dem großen Friedrich von Werner 1894 im Amt nachfolgte, und Walter Dobbelmann, der 1906 das Amt übernahm. Zusammen mit Kraus entwickelten sie eine Neugestaltung im Angelpunkt der Altstadt an der unteren Klatterstraße. In Kraus umfassenden Konzept fügte er der Burg am unteren Luciaweg ein zweites Tor hinzu, wo bisher nur geschlossenes Mauerwerk Stadt und Festung schied. Passend wurde die Bresche geschlagen an der alten Gasse von der Burgstraße, damals noch Hauptstraße genannt, zum Kirchweg. Anfangs nur umgangssprachlich, erhielt die Gasse vor einigen Jahren den offiziellen Namen Eselsgasse. Anders als gerne kolportiert, geht der Name der Gasse nicht auf die Esel zurück, die Burgherren Güter brachten. Wie andernorts im Blog beschrieben, war es wohl Kraus ein Anliegen, seine Burg umfassend historistisch zu gestalten. Dazu gehörte auch, dass der Weg zu seinem neuen, unteren Tor einen schönen, mittelalterlichen Namen erhalten solle. Und diese sind aus besagtem Grund oft nach den Eseln benannt, wie auch die Tore selbst oft Eselstore oder Türme Eselstürme heißen. Hier sehen wir Gestaltung im ideellen Sinn, alles sollte passen und möglichst mittelalterlich wirken – auch die Namen.

Aber nun hin zur Altstadt in ihrer etwas handfesteren Gestaltung des Historismus. Wie ich an der Burg immer betone, sind die historistischen „Imitationen“ nicht nur oftmals von älteren Originalen schwer unterscheidbar, sondern mitunter leider auch um einiges eindrucksvoller als ihre bescheidenen Vorgängerbauten.

Heutige Teilansicht des Ensembles von Burg und Altstadthaus

Heutige Teilansicht des Ensembles von Burg und Altstadthaus

Die Laube am Beginn des Luciawegs nach Fertigstellung der Platzgestaltung nach 1912

Die Laube am Beginn des Luciawegs nach Fertigstellung der Platzgestaltung nach 1912

Die Klatterstraße war vor hundert Jahren eine wichtige Wohn- und Geschäftsstraße inmitten der Stolberger Innenstadt. Wer das enge, verschlafene Gässchen heute kennt, kann sich dies schwer vorstellen. Der frühneuzeitliche Weg führte vom Zentrum des Burgdorfes hin zu den unteren Stolberger Bereichen und Richtung Eschweiler. Wie einige Jahre später an der Burgstraße, war man um 1900 bemüht, die Klatterstraße den Verkehrsbedingungen anzupassen. Und das bedeutete auch damals: eine Verbreiterung für den gestiegenen Verkehr und die größeren Karren war unumgänglich. Das passte gut zu Kraus Ambitionen, seine untere Vorburg mit dem neu geschaffenen Tor städtebaulich und verkehrstechnisch an die Siedlung anzuschließen. Noch vor der Jahrhundertwende hegte Kraus Pläne, das neue Tor imposanter mit zwei flankierenden Türmen zu errichten und hatte sogar Entwürfe, diese Anlage anstelle des so genannten Burghauses in der Vorburg zu platzieren. In dieser Situation war eine Toranlage überlegt, die einen repräsentativen Eingangsbereich hin zur Klatterstraße gehabt hätte, der durch die bestehende Bebauung bis hin über die Vicht hätte führen können. Eine Brücke hätte es ermöglicht, über eine gerade Achse vom Steinweg über den Bach hin zur Burg zu gelangen – inklusive attraktiver Inszenierung der Architektur. Erahnen lässt sich der nicht-ausgeführte Effekt von der Brücke des ehemaligen Restaurant Burgkeller aus. Zum Glück wurde diese Variante aufgegeben, das älteste Fachwerkhaus der Stadt von 1529 wäre dem sang- und klanglos gewichen. Man wusste ja nicht mal von dessen historischem Wert!

Der Luciaweg als enge Gasse vor der Umgestaltung der Wohnhäuser

Der Luciaweg als enge Gasse vor der Umgestaltung der Wohnhäuser

Nun zu den umgesetzten Plänen. Die Klatterstraße war eng und dicht bebaut, auch unterhalb der Burg. Platz war in früheren Zeiten schließlich kostbar. Was die Altstadtsanierung der 1980er an „Entkernung“ mit sich brachte, wurde in Ansätzen bereits um 1900 umgesetzt. Alte Pläne dokumentieren, wie man sich den Verlauf der Häuserfronten für die Zukunft der Straße vorstellte. Nach und nach sollten Häuser abgebrochen werden und in neuer Flucht ersetzt werden – nicht unbedingt in Form einer regiden Baupolitik. Auflagen für Hauseigentümer im Falle von notwendigen Neubaumaßnahmen waren auch verbreitet. Viele historische Straßenzüge finden sich in allen Städten, wo alte Häuser in die Straßenflucht ragen, da ihre Nachbarbauwerke abgebrochen und zurückversetzt neu errichtet wurden und die Zeit dieses Bau- und Verkehrskonzept nach Jahrzehnten einholte.

Drei Häuser der Klatterstraße wurden abgerissen, um der Burg einen würdigen Rahmen zu verschaffen. Ein Foto zeigt, wie verdeckt Kraus‘ Burg zu Beginn war, bis man diese Lücke schlug. Ziel von Kraus‘ Maßnahmen war schließlich nicht nur ein prächtiger Schlossbau, er sollte auch als besondere Architektur präsentiert und inszeniert werden. Sichtachsen sind da seit dem Barock ein probates Mittel. Man muss diese Achsen nicht unbedingt betreten, wie zum Beispiel die Eselsgasse, die eine Sichtachse zum unteren Tor bildet. In der Klatterstraße wurde eine Sichtachse inklusive eines Ensembles geschaffen, das heute neudeutsch als „Wow-Effekt“ bezeichnet werden kann. Links sind Burg und Blick begrenzt durch das wuchtig- wehrhafte Burghaus, ein Mauerzug lässte den Blick frei auf Fels und Höhenburg und leitet herüber zum ersten einer Reihe von Wehrtürmchen an der Umfassungsmauer, die Kraus natürlich mit Zinnen versehen hatte. Abgerundet wurde das Bild durch einen weiteren Tordurchgang. Der Beginn des Luciawegs erhielt eine turmartige Laube unterhalb des beherrschenden Burghauses mit seinem wehrhaftem Eckturm, deren Dach sich über den Weg spannte und so den ‚Eingang in den Burgbereich‘ markierte, noch bevor die Anlage selbst betreten wurde. In dieser Gestaltung müssen Kraus und Fleuster eng zusammengearbeitet haben, über Details dieser Baumaßnahme im öffentlichen Raum ist bisher nichts bekannt. Seit dem zweiten Weltkrieg ist der hölzerne Aufbau leider verloren, aber er kann mit wenig Aufwand wieder hergestellt werden, aber das gehört hier erstmal nicht hin…

Die Bebauung der unteren Klatterstraße vor 1912 mit der Burg im Hintergrund

Die Bebauung der unteren Klatterstraße vor 1912 mit der Burg im Hintergrund

Ohne Änderung oder Abbruchpläne verblieb die rechte Bebauung der Klatterstraße in Richtung Bergstraße, die linken, also bachseitigen Häuser inklusive des Gebäudes der Burgkeller-Gastronomie sollten einer neuen Straßenflucht entsprechend zurückspringen – umgesetzt wurde dies aber auch nicht. Angrenzend an die drei beseitigten Häuser wurde auch das Haus mit der Nr. 3 abgebrochen, es ragte sehr beeinträchtigend in den Straßenraum vor und war nicht weiter zu halten. Aber ein Historist wäre kein Historist, wenn er sich des Eingriffs in die historische Substanz nicht wenigstens so weit bewusst gewesen wäre, dass eine Lücke mindestens so historisch anmutend nicht wieder geschlossen werden musste. Den privaten Bauherrn wurden strikte Auflagen für das neu zu errichtende Haus gemacht. Dieses musste sich in das historische Ensemble nahtlos einfügen, ja es übertrifft sie bis heute und macht ein gut Teil des malerischen Effekts aus. 1912 wurde der Neubau errichtet, der in seiner Gestaltung der gerade fertiggestellten Burg in nichts nachstand. Eine Bruchsteinfassade im vorderen Bereich wurde an den burgseitig abgewandten Teilen in den Obergeschossen um Fachwerkgliederungen ergänzt – ein sonst seltenes Element in der von Kalkstein geprägten Altstadt. Das durch verschiedene Giebel pittoresk gestaltete Gebäude nimmt den ganzen Baugrund zwischen Klatterstraße und Luciaweg ein. Ein besonderer Clou ist auf der Rückseite des Hauses zu finden, der sich in seinem Sinn nicht sofort erschließt.

Links das ehemalige Burgwächterhaus, in der Bildmitte das beschriebene Schlitzfenster

Links das ehemalige Burgwächterhaus, in der Bildmitte das beschriebene Schlitzfenster

Man muss wissen, dass der einfache Backsteinbau im Luciaweg, der gegenüber des Tores und neben dem Fachwerk-Neubau liegt, in Kraus‘ Besitz war und als Burgwächterwohnung dienen sollte. Praktisch, diese in Tornähe anzusiedeln, doch nicht bekannt, ob er in dieser Funktion Nutzung fand. Auffällig ist, dass dieses Haus entgegen aller anderen Bemühungen keinerlei historistische, also hier pseudo-mittelalterliche Gestaltung aufweist. Der private Nachbarbau wurde in seiner Bruchstein- und Fachwerkarchitektur der Burg ideal angepasst und hatte sogar bis 1937 einige Treppengiebel, die entfernt wurden, da Regen eindrang. Das geplante Burgwächterhaus greift in einem Vierteltürmchen auf das Nachbarhaus aus. Der Clou ist nun dieser unscheinbare Bauteil aus Bruchstein, der sich dem Anschein nach sogar als Teil dessen zeigt. Das gerundete Mauerwerk findet sich nur im Erdgeschoss und besitzt dort ein Schlitzfenster, was auf den Luciaweg weisend wohl nicht zufällig an mittelalterliche Schießscharten erinnert. Auch hier wieder: klare Reminiszenzen an die mittelalterlichen Vorbilder, der Burgwächter konnte von seinem Haus durch den Schlitz in dem angedeuteten Türmchen den Burgaufgang überwachen, so scheint es.

Planzeichnung der Rückfront des Hauses Klatterstraße 3 mit Fachwerkelementen und Treppengiebeln, 1912

Planzeichnung der Rückfront des Hauses Klatterstraße 3 mit Fachwerkelementen und Treppengiebeln, 1912

Die Häuser Klatterstraße 3-5, die 1912 der Platzgestaltung wichen

Die Häuser Klatterstraße 3-5, die 1912 der Platzgestaltung wichen

Bis heute findet sich hier an der unteren Klatterstraße ein ganz besonderes Ensemble, das seinesgleichen sucht. Die Häuserfront wurde zugunsten eines Ausblicks auf die Burg aufgebrochen. Rechts wird der Blick gerahmt von dem ansprechend gegliederten Haus, worin lange Zeit die Gaststätte ‚Burgwache‘ untergebracht war. Linkerhand bildet die Laube mit dem wuchtigen Burghaus den Rahmen für die architektonische Inszenierung der Situation. Auf verschiedenen Höhenebenen bilden einerseits Altstadthäuser und die Laube architektonische Gegenstücke, andererseits die wehrhaften Bauwerke der Vorburg. Den emporstrebenden Bauten sind in der Mitte vermittelnde Waagerechten zwischengefügten, die in Form des geböschten Luciawegs und der Mauerkrone der Burgumfassung den visuellen Ausgleich und den freien Blick auf die Hauptburg schaffen.

Das ursprüngliche Ensemble unterhalb der Burg seit 1912

Das ursprüngliche Ensemble unterhalb der Burg seit 1912

Diese von Kraus und unter Zusammenarbeit mit der Stadtverwaltung unter Fleuster und Dobbelmann geschaffene Anlage ist eine typisch historistische Raumgestaltung. Filigrane, malerische Bauwerke setzen in asymmetrischer und subtil geordneter Weise Akzente und betonen und ergänzen sich gegenseitig. Der Umbau der Burg nach dem Zweiten Weltkrieg kommt der Wirkung sogar noch zugute, nur der Verlust der hölzernen Laube ist ein Wermutstropfen in dieser Gestaltung. Selten sind historistische Gesamtkunstwerke der Kaiserzeit so ursprünglich erhalten, meist haben Krieg, Verfall und Modernisierungsmaßnahmen zu ihrer Vernichtung oder Verstümmelung geführt. Hier ist es ausgerechnet eine weitgehend unterschätzte und noch immer recht ungeliebte Epoche, die in der malerischen Stolberger Altstadt den schönsten Platz hervorbrachte, ja im ganzen Rheinland oder sogar ganz Deutschland dürfte dieses Plätzchen in seinem Rang oben anzusiedeln sein!

Der Luciaweg heute, ein Werk des Historismus

Der Luciaweg heute, ein Werk des Historismus

Es ist mir eine Herzensangelegenheit, Moritz Kraus‘ Umbau und Gestaltung der Burg zu erklären und Verständnis für ihn und seine Zeit zu schaffen. Zu Unrecht wurde über fünfzig Jahre sein Werk vollkommen mißverstanden, als „romantisierender Schnickschnack“ fern guten Geschmacks. Man muss eine Sache kennenlernen, um sie zu verstehen und verstehen, um sie lieben zu können. Wie an der Burg, hatten Kraus und seine Mitstreiter gute Gründe und wohlüberlegte Ideen, in welcher Form die Architektur ausgeführt wurde. Die Ästhetik liegt noch heute auf der Hand, der faszinierende Sinn dahinter ist zugegebenermaßen teils erklärungsbedürftig.

Den Abschluss der Paltzgestaltung sollte nach den Planungen von 1912 ein Brunnen, Schiller zu Ehren benannt, errichtet werden. Entwürfe wurden aus dem ganzen Kaiserreich eingeholt, doch die Notjahre des Ersten Weltkriegs verhinderten das Projekt, dessen Entwurfsskizzen seit dem ungeachtet im Stadtarchiv liegen.

Ein fortgeschrittener Entwurf des Schillerbrunnens, der nie zur Ausführung gelangte. Im Hintergrund die Stützbögen des Luciawegs

Ein fortgeschrittener Entwurf des Schillerbrunnens, der nie zur Ausführung gelangte. Im Hintergrund die Stützbögen des Luciawegs

Da wir am 25. November 2014 die 99. Wiederkehr von Kraus‘ Todestag verzeichnen, würde ich zu diesem Anlass eine Würdigung seines Werkes anregen, die dauerhaft und sichtbar ist. Den bis heute unverfälscht erhaltenen Platz seines Wirkens, der kleine Platz inmitten des historistischen Altstadtensembles, kann man ihm zu Ehren mit dem offiziellen Namen ‚Moritz-Kraus-Platz‘ belegen. Am Standort seiner ehemaligen Firma im Prattelsack findet sich bis heute der Straßenname ‚Krausstraße‘, doch ein klares Bekenntnis zu seiner Person an seiner herausragenden Wirkstätte, wo er der Burg zu neuer Gestalt und zu einem zweiten Leben verholfen hat, wäre im Gedenkjahr 2015 zu seinem 100. Todestag eine angemessene Würdigung eines großen und lange Zeit unterschätzten Stolbergers.

Für diese Würdigung möchte ich werben und habe eine kleine Umfrage beigefügt, um Meinungen in aller Breite, auch sehr gerne über Kommentare und Mitteilungen auf allen möglichen Ebenen, zu erhalten.

Moritz Kraus (Foto: Archiv Dr. U. Glasneck)

Moritz Kraus (Foto: Archiv Dr. U. Glasneck)

 

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Der Blaue Salon – Stolbergs ‚Bernsteinzimmer‘

Diesmal gewährt uns ein Gastautor einen Einblick in Stolbergs LebendiGeschichte: der Lokaljournalist und -historiker Toni Dörflinger beschreibt ausführlich die Hintergründe der kürzlich in der Presse von ihm vorgestellten Tapete des „Blauen Salons“ des ehemaligen Kupferhofes Roderburgmühle im Zentrum von Stolberg-Mühle. Die mysteriöse Geschichte rund um Stolbergs verschollene und einzige bekannte historische Raumausstattung der großbürgerlichen Kupfermeister hat er akribisch aufgedeckt und klärt uns auf über „Stolbergs Bernsteinzimmer“.

 

Von Gastautor Toni Dörflinger
„Stolbergs Bernsteinzimmer“ ist eine vor mehr als 30 Jahren entdeckte Tapete samt einer überwiegend blau gestalteten Raumausstattung: Eine handgemalte Panoramatapete aus der Zeit des Klassizismus, die man 1980 in einem Erdgeschossraum des früheren Kupferhofs Roderburgmühle am Mühlener Markt fand. Die Entdeckung sorgte damals für überregionales Aufsehen. Auch die Medien hatten sich dieses Themas angenommen. Diese Artikel sind mir kürzlich beim Stöbern im Archiv der örtlichen Presse in die Hände gefallen. Sofort war mein Interesse geweckt. Allein schon die Tatsache, dass die Tapete wenige Jahre nach ihrer Abnahme durch den Landschaftsverband Rheinland spurlos verschwand, hatte meine Neugier zusätzlich angestachelt. Meine Recherchen beim Landschaftsverband führten anfänglich aber zu keinem

Die geborgenen Reste der unteren Tapete

Die geborgenen Reste der unteren Tapete

Erfolg. Denn auch dort galt das wertvolle Objekt als verschollen. Erfolgreicher war eine zweite Anfrage. Inzwischen hatte man nämlich das hauseigene Archiv durchforstet und eine umfangreiche Akte entdeckt. Sie listet ausführlich die Vorgänge um die scheinbar verlorene Tapete auf. Bestandteil der Dokumentation war auch eine 2005 in Dresden  veröffentlichte Publikation, die sich unter anderem der Stolberger Tapete widmet. Das Buch und die in Brauweiler gesichteten Unterlagen haben mich wenig später zu diesem Beitrag veranlasst. Schließlich möchte ich meine Recherchen und die dabei gemachten Erfahrungen umfassend bekannt machen. Denn ich bin einem spannenden Kriminalroman mit Höhen und Tiefen auf die Spur gekommen.

Die Roderburgmühle

Kupfermeister Matthias Ludolf Schleicher um 1800

Kupfermeister Matthias Leonhard Schleicher um 1800

Die Roderburgmühle ist im frühen 17. Jahrhundert entstanden. Erbaut hat sie Heinrich Peltzer. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts gelangte die dreiflügelige Bruchsteinanlage in den Besitz der Kupfermeisterfamilie Schleicher. Leonhard oder sein Sohn Matthias Leonhard Schleicher hat später das Herrenhaus modernisiert. Vermutlich ist in dieser Zeit, die von einem wirtschaftlichen Wohlstand unter Napoleon gekennzeichnet war, auch die blaue Tapete entstanden. Sie schmückte neben Stuckarbeiten einen Salon, den die Schleichers als repräsentatives Empfangszimmer nutzten. Ein „Blauer Salon“ eben, der nicht nur für die Firmengäste gedacht war, sondern in dem der Hausherr auch seine Korrespondenz erledigte. Stammsitz und Wohnort der Schleichers war zu dieser Zeit aber nicht die Roderburgmühle, sondern der Unterste Hof an der Eisenbahnstraße. Die Roderburgmühle ist das Herzstück einer ursprünglich aus acht Höfen bestehenden Gebäudegruppe. Als Besitzer der Höfe, die einst dem Wohnen und der Messingproduktion dienten, werden neben den Familien Peltzer und Schleicher auch Momma, Hoesch, Lynen, Prym und Schardinel genannt. Eine angeschlossene Galmeimühle nutzte man gemeinschaftlich. Das Wasser für den Antrieb der Mühlräder hatte der Ellermühlengraben geliefert. Ein Altarm der Vicht verlief quer über den heutigen Mühlener Markt und wurde bis um 1850 als Mühlgraben unterirdisch weiter genutzt, als der Marktplatz angelegt wurde. Ursprung des Stadtteils Mühle – der Name ist selbstredend – war aber nicht die Roderburgmühle, sondern die wenige Meter unterhalb liegende Jan-Ravens-Mühle. Sie wurde später als Krautlade bezeichnet. Schon 1544/1548 hatte sie der Maler Egidius von Walschaple auf seinem Vichttalplan abgebildet. Aber die Krautlade ist verloren: 1965 wurde sie abgerissen.

Der Blaue Salon

Herrenhaus der Roderburgmühle 1981

Herrenhaus der Roderburgmühle 1981

Das Herrenhaus der Roderburgmühle besteht aus zwei Bauteilen – einem südlichen und einem nördlichen. Beide Teile besitzen an der Frontseite separate Eingänge. Der Blaue Salon liegt im Erdgeschoss des nördlichen Teils. Dieser Teil ist heute durch einen 1983 errichteten Querbau verdeckt. Den Salon und seine kostbare Ausstattung hatte 1980 der damalige Landeskonservator Dr. Frank Kretzschmar entdeckt. Auf den Plan gerufen hatte den Obersten Denkmalschützer der Umbau der Roderburgmühle. Bestandteil des Rundganges war aber nicht nur der Außen-, sondern auch der Innenbereich. Die Entdeckung und der von Kretzschmar geplante Erhalt des Blauen Salons stießen bei der damaligen Unteren Denkmalbehörde auf wenig Interesse. Die Tapete wurde als minderwertig abgetan. Außerdem wollte man die Bauherren nicht mit den Restaurierungskosten von Tapete, Stuck und Ofennische belasten. Dieser Beurteilung hatte sich auch die örtliche Presse angeschlossen. Doch der Landeskonservator blieb standhaft und veranlasste wenig später den Ausbau der Tapete.

Ofennische (Kamin) im Blauen Salon 1981

Ofennische (Kamin) im Blauen Salon 1981

Bei der Abnahme befand sich der Blaue Salon in einem katastrophalen Zustand: allseits Fäulnis, Schimmel und Nässe. Auf den breiten Holzdielen, in vier schmückende Quadrate geteilt, standen Wasserlachen. Die Tapete hing in Fetzen von den Wänden und war mit Schmutz und Ruß bedeckt. Holzregale versperrten den Weg. Denn jahrzehntelang hatte der Raum als Lager gedient und war infolgedessen arg vernachlässigt worden. Drei Fenster – zwei in der West- und eins in der Ostwand – belichteten das Zimmer. Die Panoramatapete hatte ursprünglich den gesamten Innenraum ausgeschmückt: eingepasst wie Bilder in einzelne größere Rahmenfelder. Die Rahmung bestand aus bedruckten Papierbahnen, die von Säulen mit Flechtwerk, einer grauen Leiste und einer imitierten Stoffdekoration bedeckt waren. Im Stuckgesims unterhalb der Decke befand sich ein weiteres Tapetenband, das als pompejanischer Fries gestaltet war: Antike, blaue Gestalten auf ockerfarbenem Grund belebten die Szene. In den Fensterlaibungen saßen mit Randbordüren eingefasste Marmorierungen. Die Marmorierungen und der Hintergrund der handgemalten Bilder waren von einem intensiven Blau bestimmt, das stellenweise in einen Grünton überging. Von einer abgebildeten Baumgruppe und einem Säulenstumpf existierten nur noch Ansätze. Am besten erhalten war eine südländische Hofarchitektur mit Mauern und Türmen, die im Vordergrund ein Gewässer und weibliche Trachtenfiguren zeigte. Überraschenderweise lag unter der oberen Schicht noch ein weitere. Diese stellte sich als die ursprüngliche heraus. Man hatte offensichtlich später eine zweite Tapetenschicht über die bereits vorhandene geklebt und sie in die Rahmenelemente der unteren eingepasst. Als Motiv präsentierte die untere, ursprüngliche Schicht eine ferne Gebirgslandschaft mit einem See, dessen Uferbereich durch eine Burg mit Rundturm und ein Ruinenensemble ergänzt wurde. Weiterhin waren Bäume, Büsche, Zäune, Angler und Figuren in bäuerlicher Gewandung zu sehen. Gegenüber der Ofennische hatte man ein helles, stichbogenförmiges Feld ausgespart, das von einer Vase mit Blattgirlanden gekrönt wurde. Vermutlich hatte sich dort früher ein Spiegel befunden.

Die Tapete des Blauen Salons

Die Tapete des Blauen Salons

Eine kleine Tapetenkunde
Wo ist die um 1820 entstandene Tapete hergestellt worden? Diese Frage ist nicht leicht zu beantworten. Denn auf der Rückseite oder am Rand fanden sich im Gegensatz zu anderen Tapeten ähnlicher Machart keine Herstellerhinweise. Weltzentrum der Tapetenherstellung und des -handels war damals Frankreich. Tapeten aus den Manufakturen in Paris, Lyon und Rixheim waren in ganz Europa beliebt. Tapetenherstellung war überwiegend Handarbeit. Druckmaschinen kamen erst nach 1850 zum Einsatz. Als Druckplatten nutzte man Modeln aus Kirschbaumholz, die vom Stempelschneider hergestellt wurden. Danach wurden die vorbehandelten Papierbahnen abschnittweise per Hand bedruckt. Durch das nachträgliche Aufsetzen von Deckweiß und Schattentönen wurden die Motive in ihrer Wirkung verstärkt. So hat um 1818 der Franzose Jean Zuber eine mit Brasilienmotiven bedruckte Papiertapete hergestellt, die 247 Druckfarben enthielt und für die man 1690 Modeln stechen musste. Diese Tapete ist trotz Handdruckverfahren in Serie hergestellt worden. Auch in Deutschland war die Brasilientapete um 1820 in Mode. Aber auch Tapetenmaler kamen zum Einsatz. Sie wurden als Landschafts-, Blumen- und Personnagenmaler bezeichnet und waren für das Bemalen ganzer Papierbahnen per Hand zuständig. Natürlich waren diese Tapeten wesentlich kostspieliger in den Anschaffung als die im Handdruckverfahren hergestellten Exemplare. Gute Tapetenmanufakturen gab es aber auch in Deutschland: dort hatten Köln, Kassel und Berlin die Nase vorn. Auch in Düren existierte eine Tapetenfabrik. Sie befand sich in der Obhut der Schleichers. Ob dort die Stolberger Tapete hergestellt wurde, ist aber mehr als fraglich. Denn die Schleichers in Düren stellten überwiegend Tapeten im Handdruckverfahren her. Somit muss der geografische Herstellungsort der handbemalten Tapete aus der Roderburgmühle ein Geheimnis bleiben. Bildtapeten, aufgedruckt oder aufgemalt auf Papierbögen markierten im Verlauf des 18. und 19. Jahrhunderts eine zusätzliche Qualität der Raumgestaltung des Adels und auch des wirtschaftlich erfolgreichen Bürgertums: Stoffbahnen aus Seide oder Leinen und Teppiche als Wandbespannung hatten endgültig ausgedient. Völlig neu waren aber die Panoramatapeten, die Ende des 18. Jahrhunderts aufkamen.

Kombinierte Fotodokumentation der Blauen Tapete im Salon.

Kombinierte Fotodokumentation der Blauen Tapete im Salon.

Das Panorama baute eine räumliche Illusion für den Betrachter auf und versetzte ihn in die Mitte des illusionistischen Geschehens. Als Motive waren Themen aus der antiken Mythologie, der Literatur, der Jagd, der Forschung, der Technisierung, der Landschaftskunde und der Forschung beliebt. Kaum ein Gebäude besaß damals mehr als einen Tapetenraum. Nur Schlösser oder Adelssitze waren besser ausgestattet. Ob auch andere Stolberger Kupferhöfe Tapetenräume besaßen, wissen wir nicht. Nur das Wasserschlösschen Rosenthal kann mit einer ähnlichen Ausstattung aufwarten. Allerdings ist diese Tapete wahrscheinlich erst um 1870 anlässlich der Vermählung von Georg Victor Lynen und Emilie Wilhelmine Prym entstanden.


Was aus der Tapete wurde

Die Konservierung und Restaurierung der Tapete erfolgte 1984 in einer Münchener Fachwerkstatt. Dort mussten die Schichten vorsichtig getrennt und die Pigmente der mit Leimfarbe bemalten Papierbahnen neu befestigt werden. Danach wurden einzelne Bildpartien retuschiert. Zerrissene Partien hatte man zuvor mit Japanpapier gesichert. Mühsam war auch das Entfernen der Putzreste. Denn die Tapete hatte man ohne Nutzung eines Zwischenträgers direkt auf den Lehmputz geklebt. Anfänglich war man von einer Restaurierung der Gesamtdarstellung ausgegangen. So hatte eine in Frankfurt ansässige Firma bereits den Nachdruck der aufwändigen Bordüren im Siebdruckverfahren geplant. Aber die hohen Druckkosten hatten schließlich der kleineren Lösung – der Retusche – den Vorrang eingeräumt. Den Auftrag hatte der Landschaftsverband vermittelt. Die Kosten – eine hohe fünfstellige Summe – sollte der damalige Eigentümer der Roderburgmühle übernehmen.

Ehemaliges Herrenhaus der Roderburgmühle, wo sich einst der Blaue Salon befand.

Ehemaliges Herrenhaus der Roderburgmühle, wo sich einst der Blaue Salon befand.

Aber die Firma, eine örtliche Wohnbaugesellschaft, ging später in die Insolvenz. Eine ausstehende Restschuld – etwa ein Drittel der Summe – führte dann 1986 zu einem Besitzerwechsel. Nach dem deutschen Pfandrecht wurde die Tapete der Münchener Werkstatt zugesprochen. Um die komplizierte Eigentumsfrage hatten sich zuvor mehrere Rechtsanwälte  bemüht. Danach verliert sich sowohl beim Landschaftsverband wie in Stolberg ihre Spur. Die geplante Wiederanbringung auf einer bis dato freigehaltenen Wandfläche im Blauen Salon konnte somit nicht mehr realisiert werden. Vermutlich befindet sich die Tapete heute noch in München. Die Hoffnung, dass sie als Dauerleihgabe dem Tapetenmuseum in Kassel übereignet wurde, hat sich inzwischen nicht erfüllt. Ohne Antwort blieb bisher das Schreiben, das ich an die Eigentümerin der Münchener Werkstatt gerichtet habe. Egal wie die Antwort ausfällt, die Tapete ist für Stolberg und die Region von großer Bedeutung. Eine erneute Dokumentation bietet sich an. Allein schon die bis dato gesammelten Unterlagen rechtfertigen eine Ausstellung und Präsentation im öffentlichen Raum.

Kupferhof Roderburgmühle am Mühlener Markt

Kupferhof Roderburgmühle am Mühlener Markt

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Die Arnoldsmühle

Stolbergs alte Zwangs- und Bannmühle

Die Getreidemühle im Mittelalter und Früher Neuzeit

Eine Mühle zu errichten, war aufgrund der technischen Anlagen des Mühlrades und des Mahlwerks eine kostspielige Angelegenheit. Für die Bauern waren sie wichtig, um ihr Korn mahlen zu lassen. Kormühlen waren seit jeher wichtige Einrichtungen in Siedlungen. Man konnte sich auch mit einer Handmühle behelfen, doch dies war im Mittelalter oft von den Herrschern verboten worden. Denn für sie waren Getreidemühlen eine vorzügliche Einnahmequelle: als Zwangsmühle waren die Bauern zu ihrer Nutzung verpflichtet, als Bannmühle durfte es keine andere in der Herrschaft geben. So war die Mühle, die erst 1872 den Namen Arnoldsmühle erhielt, in Stolberg die herrschaftliche Zwangs- und Bannmühle, in der die Stolberger Bauern wohl spätestens seit etwa 1300 ihr Korn mahlen lassen mussten. Dafür mussten sie dem Müller einen Anteil und dem Burgherrn eine Abgabe leisten. Die ersten Hinweise auf die Stolberger Getreidemühle stammen aus dem 14. Jh., als die alte Burg noch stand, die schließlich 1375 zerstört wurde.

Arnoldsmühle, ältester Teil vermutlich aus dem 15. Jahrhundert

Arnoldsmühle, ältester Teil vermutlich aus dem 15. Jahrhundert

Das heutige Mühlengebäude dürfte aus dem 15. Jahrhundert stammen und ist somit neben der Burg wahrscheinlich das älteste Bauwerk der Stadt – die älteste Mühle auf jeden Fall. Erwähnt wurde die Mühle erstmals 1496. Die älteste Abbildung kann man wohl auf der Panoramazeichnung von 1544/48 erkennen. Nahe der Burg gelegen, ist sie ja ein früher und wichtiger Bestandteil des Burgdorfes gewesen. Die dreiteilige Gebäudegruppe bestand vermutlich nicht nur aus dem Haus der Arnoldsmühle, sondern wurde ergänzt durch das Haus jenseits der Mühlenstraße, das lange zum Besitz der Arnoldsmühle gehörte. Die Arnoldsmühle wurde vor einigen Jahren wieder in ihrer Bruchsteinerscheinung wieder hergestellt, das kleine Haus gegenüber erhielt seine Putzfassade um 1900 und verbirgt darunter eine ebenso altertümliche Architektur. Die nach der Mühle benannte Straße führt so heute durch das alte Ensemble. Die Mühle wurde nicht nur nah am Bach bzw. dem angelegten Mühlengraben errichtet, sondern auch im Mittelpunkt der alten Herrschaft, die sich weiter nach Unterstolberg erstreckte. Dort waren wohl im flachen Talgrund mehr landwirtschaftliche Flächen und Höfe, deren Erzeugnissen einen kurzen Weg zur Mühle ermöglicht werden sollte. Die untergegangenen Güter Blankenberg und Schnorrenfeld könnten alte Gutshöfe gewesen sein, die Stolberg mit Getreide versorgten. Auf dem Dollartshammer gab es 1555 wohl noch eine Getreidemühle, doch war dieses Gebiet zwar Besitz des Burgherrn, aber Herr war der Abt in Kornelimünster. Die Stolberger Bauern rechts der Vicht mussten zur Zwangs- und Bannmühle!

Die alte Wassermühle

Damit eine Mühle sicher und optimal arbeiten konnte, wurde sie nicht direkt am Bach, sondern an einem angelegten Kanal errichtet. Der so genannte Mühlengraben stellte durch eine Schleuse, Wehr genannt, sicher, dass aus dem Bach mit wechselndem Pegel stets dieselbe Wassermenge dem Mühlrad zugeführt wurde. So war ein beständiges Drehen möglich, um einen reibungslosen Mahlgang sicherzustellen. Die alte Mühle besaß und besitzt bis heute ein unterschlächtiges Mühlrad. Das Wasser wird dabei im unteren Bereich ans Rad geführt und schiebt es vowärts. Bekannter sind oberschlächtige Räder, bei denen Wasser über eine Rinne auf das Rad fällt. Im Innern der Mühle fand sich die „altdeutsche Mühle“, die als technische Mahleinrichtung vom 12. bis zum 19. Jh. im Prinzip unverändert genutzt wurde: zwischen zwei Mahlsteinen wurde das Getreide zerrieben, bis es die gewünschte Feinheit erlangt hatte.

Bild Mühle 1769

Die älteste gesicherte Abbildung der Mühle von 1769. An der Brücke über den Vichtbach an der Mühlenstraße erkennt man ein Bauwerk mit zwei Mühlrädern: Stolbergs Getreidemühle.

Stolberger Müllersleut‘

Viel weiß man nicht über die herrschaftlichen Müller. Erst 1745, Jahrhunderte nach der ersten Nennung, liest man vom Müller Johann Adalbert Graff, der als Pachtmüller die Mühle betrieb. Ob sie zuvor schon verpachtet wurde oder direkt von einem Mahlknecht des Burgherrn bewirtschaftet wurde, ist somit nicht klar. Die Abgaben und Versorgung machte eine ununterbrochene Nutzung unumgänglich. Als herrschaftliche Mühle hatte sie 1794 ausgedient, als der letzte Burgherr, der Reichsgraf von Kesselstatt, von den französischen Revolutionstruppen seiner Adelsmacht enthoben wurde. Die nun privatwirtschaftliche Mühle ohne Zwang und Bann veräußerten die von Kesselstatts 1872, als die Ära der Mühle von Heinrich Hubert Arnolds begann.

Das Korn der Bauern

Im Mittelalter setzte in der Ernährung eine so genannte „Vergetreidung“ ein, die bedeutete, dass die Ernährungsgrundlage zunehmend von Hirse und Gemüse auf Getreidesorten umgestellt wurde. Brot wurde ein wichtiges Nahrungsmittel, das einerseits eine gute Versorgung der Bevölkerung, andererseits duch die Mühlenabgaben hohe Einnahmen der Obrigkeit sicherstellte. Angebaut wurden zuerst vor allem Hafer, aber auch für uns ungewohnte Sorten wie Dinkel, Spelz und Buchweizen (nicht verwandt mit Weizen). Weizen war ein seltenes und kostbares Korn, das als feines Weißmehl überwiegend der Oberschicht vorbehalten war. Zum Ende des Mittelalters kam Roggen auf, der für uns wie Weizen ein unverzichtbarer Brotbestandteil ist. Damals übliches Dinkelbrot war hart und somit nicht nur als Teller geeignet, sondern erst richtig genießbar, wenn es unter „Mus“ oder Brei aufgeweicht war. Gerstenbrot war für Knechte, Weißbrot für Adlige und Feiertagen vorbehalten.

Das Wasser – Energieträger der Vergangenheit

Neben der Verfügbarkeit von Holz, Kohle und Galmei beruhte Stolbergs Wohlstand auf dem reichlichen Angebot an Wasser.
Seit dem 5. Jh. sind Maßnahmen zur Energiegewinnung durch Wasserkraft in Europa bezeugt. Zuerst überwiegend für die
Getreidemühlen, die als Bannmühlen ein herrschaftliches Monopol sicherten. Seit dem 12. Jh. wurde die Wasserkraft auch
für andere Gewerbe genutzt. In Stolberg kam es im 15. und 16. Jh. wie an vielen Orten in der Peripherie großer Städte zu einer Proto-Industrie, die sich umfassend die Wasserenergie zu nutzen machte. Angelernte Arbeiter konnten in arbeitsteiligen Betrieben, den Manufakturen, unter Nutzung der Wasserkraft effizienter als Handwerker arbeiten, ja manche Techniken wurden erst durch Mühlwerke möglich; bspw. Drahtziehen war mit Muskelkraft nicht möglich. Über Jahrhunderte war Wasser als Vorläufer von Dampfkraft und elektrischem Strom die beste Energiequelle. Ohne das Wasser waren alle Arbeiten aufwändig und damit teuer. Die Arnoldsmühle blieb Stolbergs einzige Mahlmühle aufgrund des Monopols des Burgherrn. Die Kupferhöfe schossen als wasserbetriebene Manufakturen im ganzen Tal aus dem Boden – Wasser (und Galmei) sei Dank!

Stolberg im 16. Jahrhundert

Die wahrscheinlich älteste Abbildung der Mühle um 1545. Als gerichtlich bestellter Maler musste Egidius von Walschaple das Stolberger Tal originalgetreu abbilden. Dieser Ausschnitt zeigt die Burg mit dem Burgdorf. Die markierte Gebäudegruppe passt in ihrer Lage zur Arnoldsmühle. Oftmals als Enkerei oder Weltzerhof gedeutet, ist dies unwahrscheinlich, da diese erst später erbaut wurden, während die Mühle schon lange bestand. Zwei Mühlenhäuser sind steinern, während alle anderen Häuser Fachwerkkonstruktionen sind.

Burg und Dorf Stolberg um 1544/1548, Gemälde Egidius von Walschaple (Landesarchiv NRW). Links erkennt man einen dreiteiligen Gebädeukomplex, der die Stolberger Mühle darstellen dürfte.

Burg und Flecken Stolberg um 1544/1548, Gemälde Egidius von Walschaple (Landesarchiv NRW, Abt. Rheinland, Karten). Links erkennt man einen dreiteiligen Gebädeukomplex, der die Stolberger Mühle darstellen dürfte.

Bannrechte waren herrschaftliche Monopole

Viele Gewerbebannrechte besaßen Fürsten und Unterherren seit dem 12. Jh. Nicht nur die Mühlennutzung war vorgeschrieben als herrschaftliches Recht, auch die Nutzung der ebenso unumgänglichen Backhäuser war oft ohne Alternative. Vermutlich gehörte ein Backhaus zur Stolberger Mühle, wo die Bewohner wöchentlich ihr Brot buken. Ähnliche Monopole gab es auf Bier, Wein, Jagdreviere, Fischerei etc. Die Bannmeile bezeichnete die Entfernung zu einer Stadt, innerhalb der ein Gewerbe generell genehmigungspflichtig war. Gutes, reichhaltiges Essen war teuer, nicht zuletzt durch diese indirekten Abgaben. Aufgegeben wurden die Bannrechte seit dem 18. Jh. und 19. Jahrhundert. Endgültig fiel das Monopol zusammen mit dem ebenso einschränkenden Zunftzwang für Gewerbetreibende in Preußen 1810, andere deutsche Staaten folgten bis 1866.

Von herrschaftlichem in privaten Besitz

Mit dem Niedergang der Feudalherrschaft mit der Französischen Revolution und den Reformen des 19. Jhs. wurde auch die Zwangs- und Bannmühle der Herrschaft zu einem privatwirtschaftlichen Betrieb. Die 1794 von den französischen Besatzern enteigneten Grafen von Kesselstatt erhielten ihren Grundbesitz 1814 mit Gründung der preußischen Rheinprovinz zurück, doch eine Verwaltungsfunktion besaßen sie nicht mehr. Im 18. Jh. war Johann Adalbert Graff der Mühlenpächter, für das 19. Jh. sind Heinrich und Paul Kalkbrenner als Pächter bekannt. Sie bemühten sich um eine bauliche Verbesserung des Mühlgrabens, der mehr Wasser aufnehmen und
damit eine stärkere Ausnutzung der Wasserkraft ermöglichen sollte. Aus Gründen des Hochwasserschutzes wurde dies verboten. Die nötigen Um- und Instandsetzungskosten trugen die preußische Regierung und der Graf von Kesselstatt als Eigentümer. Über den 1853 als Pächter eingesetzten Heinrich Wilhelm Kalkbrenner gelangte die Mühle über weitere örtliche Mühlenbetreiber der Familien Welter, Frey und Odenthal, die bspw. in Vicht und Büsbach Mühlen betrieben, schließlich 1872 in den Besitz von Heinrich Hubert Arnolds. Er erwarb die Mühle als eine der letzten Immobilien der Kesselstatts in Stolberg.

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Das Alte Rathaus

Ein bescheidenes Schmuckstück des Klassizismus

Über Jahrhunderte wurde Stolberg von der Burg aus verwaltet. Sie war Amtssitz des Schultheißen, das Bürgermeisterzimmer im westlichen Burgturm zeugt davon. Die Franzosen machten der Feudalherrschaft im damaligen kleinen Flecken 1794 ein Ende. Als die Preußen 1814 das Rheinland in Besitz nahmen, war die republikanische Ära vorbei, doch die adligen Herren Stolbergs erhielten keine Macht mehr, Burg und Grund in Stolberg gehörte ihnen als Privatleute. Für die Gemeinde war die Zeit der Selbstverwaltung gekommen. Etwa zwanzig Jahre vergingen, bis der Gemeinderat 1837 beschloss, ein Rathaus zu bauen.

Stolberg war als vorindustrielles Gewerbezentrum vor allem der Messingproduktion, aber auch der Tuchfabrikation, ein Standort von Weltrang. Dennoch war die Gemeinde nie besonders reich bzw. zeigte ihren Wohlstand nicht. Dafür, dass das Messing hier monopolartig gewonnen wurde, sind die Überreste bescheiden. Einen wirklichen architektonischen Beweis der Prosperität der Kupfermeister zeigt allein Hof Rosenthal, in bescheidenem Maße noch das benachbarte Grünenthal. Die reformierten Kupfermeister gaben sich puritanisch und nutzten ihre Mittel wohl eher karitativ. Aber das soll hier nicht weiter vertieft werden…

Das Alte Rathaus

Das Alte Rathaus

Als die Gemeinde nun ein Rat- und Schulhaus brauchte, waren die Mittel knapp. Wirtschaftlich stark, war die öffentliche Hand dennoch schwach. Vertreten wurden die Stolberger in ihrem Gemeinderat von den Stadtverordneten, die sich aus den vornehmen Familien rekrutierten: Kupfermeister, Tuchmacher und so weiter. Als Geburtshelfer zeigte sich Ratsmitglied Johann Nikolaus Schleicher. Aus dem alten Kupfermeistergeschlecht, das den Erbauer des repräsentativsten Baues des 16. Jahrhunderts der Altstadt, der späteren so genannten Adler-Apotheke, stellte und Stolbergs einzigen Kupferhof als eigenständiges Wasserschloss als repräsentativen Wohnsitz des 18. Jahrhunderts neben dem alten Hof Rosenthal erbaute, erfolgte nun die Finanzierung des Rathauses. Mit einer Kreditlaufzeit von fünfzig Jahren wurde der Bau ermöglicht, der auf ehemals herrschaftlichem Grund aufgezogen wurde.

Als Standort für den neuen Rathausbau wählte man eine Wiese in der Mitte Stolbergs. Flächen der Kupfermeister, die ebenso über umfangreiche Besitzungen verfügten, waren wohl noch schwieriger zu erwerben als der Bruchbend, wie die Wiese des Grafen von Kesselstatt hieß. Diesen gehörten noch viele Immobilien in Stolberg, als eine der letzten veräußerten sie die Burg.

Andreas Roderburg, Heimatkundler Stolbergs in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, beschreibt die Umstände des Rathausbaues mit Zufällen, wie sie geltungsbewussten Persönlichkeiten in öffentlicher Position so gerne widerfahren. Der Bau wurde umgehend 1837 in Angriff genommen. Stil der Zeit war nüchterner Klassizismus: repräsentativ, der Antike und ihren Idealen verpflichtet und funktional. Üppige Barock- und triumphierende Revolutionsarchitektur hinter sich lassend, wiesen klassizistische Formen in die Antike, die Zeit großer Gelehrter, kluger Staatsführung und selbstbewussten Stadtlebens.

Nun, wie es der „Zufall“ wollte, war Prinz Wilhelm von Preußen auf Reisen im Rheinland und wurde nun eingeladen, seinen Segen dem neuen Rathaus mit auf den Weg zu geben. Da dieser Hohenzollernfürst Jahrzehnte später als Deutscher Kaiser proklamiert wurde, war die Besinnung auf den hoheitlichen Segen willkommener Anlass zur Benennung der neuen Platzanlage der Gründerzeit als Kaiserplatz. Auch wenn sein ehernes Ebenbild in Mantel und Pickelhaube längst verschwunden ist, der Name lebt fort. Aber die Geschichte des Platzes soll vielleicht einmal Thema eines anderen Blogbeitrags sein…

Der Zufall war damit noch nicht perfekt. Just an diesem historischen 18. Juni 1837 feierte Johann Nikolaus Schleicher seinen 70. Geburtstag. Der großmütige Kredit wurde so zum Abschluss eines Lebenswerkes, so dass ihm „zu dem erlebten glücklichen Alter mancher Toast gebracht und die Feier des für Stolberg denkwürdigen Tages seelenvergnügt beschlossen wurde“ (Roderburg: Alt-Stolberg, S. 35). Mit einer Gesamtsumme von knapp 12.000 Talern war bis 1839 ein Bau errichtet, der neben den Verwaltungsstuben drei Wohnungen für die katholischen Lehrer, drei Schulsäle der katholischen Klassen und je eine Wohnung und einen Saal für die Lehrer und Schüler der reformierten und lutherischen Konfession enthielt. Noch war das Schulwesen konfessionell geprägt, ging es doch zurück auf kirchliche Schuleinrichtungen, die im 18. Jahrhundert verbreitet waren. Die Schülerzahl von 1847 war 582 bei der katholischen Jugend und insgesamt 118 evangelische Kinder. Traditionell waren die Kupfermeister evangelisch, während die „einfache“ Bevölkerung der Bauern, Arbeiter und Bergleute katholisch war.

Das Rathaus um 1900

Das Rathaus um 1900

Der langrechteckige Rathausbau stand zunächst und lange Zeit als einsamer Bau an der heutigen Rathausstraße. Von städtischem Raum kann zu diesem Zeitraum keine Rede sein. Im Grunde stellt der Rathausbau den Startschuss einer urbanen Stadtentwicklung dar, die die verstreuten Hofanlagen an einfachen Feldwegen zu einem Stadtgebilde verband. So bildete sich erst im Laufe des 19. Jahrhunderts zwischen Mühle und Altstadt mit einer Neustadt die heutige Stadt Stolberg. Unterhalb des Rathauses lagen lediglich die benachbarten Höfe Grünenthal und Rosenthal mit ausgedehnten Garten- und Weiherflächen, oberhalb standen vereinzelte Bürgerhäuser am Steinweg wie das Haus Kortum, wo Stolbergs großer Arzt in ehemals Schleicherschem Besitz standesgemäß residierte. Rund um das alte Rathaus lagen die Wiesen des Bruchbends – dem Namen nach ein sumpfiges Gebiet, das wohl aus diesem Grund lange unbebaut blieb.

So konnte der Bau in den folgenden Jahren nach Notwendigkeit nach Süden und Norden erweitert werden. Der wahrscheinlich ursprüngliche Bau ist das heute bestehende Bauwerk. Die angesetzten Flügel hatte man in den 1970er Jahren abgebrochen, da Rathausneubau und -umfahrt Raum benötigten. So wurde das alte Rathaus des Klassizismus wieder in seiner alten Struktur freigelegt. Der einfache zweigeschossige Ziegelbau hatte in zentraler Achse ein eingeschobenes Giebelfeld, das fünf Achsen überspannte. Wenn auch die Materialität eine vollkommen andere ist, so weist die klassische Ordnung der Fenster und vor allem das stumpfwinklige Giebeldreieck in die Antike. Das gewölbte Giebelfenster zeigt sich als Abwandlung eines so genannten Thermenfensters, das eben so typisch wie antikisierend ist.

Burtscheid um 1900 mit dem alten Rathaus in der Mitte

Burtscheid um 1900 mit dem alten Rathaus in der Mitte

Alte Schule in Zweifall

Alte Schule in Zweifall

Das Stolberger Rathaus ist keineswegs ein einzigartiges Beispiel klassizistischer Kommunalbaukunst. Das Rathaus von Eschweiler wurde 1822 in ähnlicher Weise erbaut. Hier gestaltete man die Fassade jedoch aufwendiger mit Verputz und Kolossalpilastern, das Giebelfeld bekrönte die Fassade mit einem Wappenrelief. Das Gemeindehaus von Kornelimünster von 1820 war ebenfalls ein klassizistischer Bau und erscheint als Miniatur des Stolberger Baues. Das Burtscheider Rathaus war ein höheres Bauwerk ähnlicher Struktur auf hohem Sockelgeschoss und auch die Schule in Zweifall reiht sich ein in die Bauwerke kommunalen Selbstbewusstseins. Das Zweifaller Schulhaus wurde von Zeitgenossen als das Schönste im Kreis Monschau bezeichnet, das will was heißen! Gerade das Burtscheider Gebäude, aber auch die alte Schule in Zweifall erscheinen uns heute als banale walmgedeckte Häuser, da wir die breitere Fassade als dominant empfinden. Aus dem stilistischen Konzept erscheinen jedoch die Schmalseiten mit den Giebelfeldern als dominierende Gestaltungen als Schaufassade. Und daher werden sie als Rückgriff auf die antike Baukunst gestalterisch betont: durch Wappen, Reliefs oder Thermenfenster. Man könnte am Stolberger Rathaus mutmaßlich den Mittelbau als ursprünglichen Bau vermuten, wenn nicht wenigstens zehn Räume unterzubringen gewesen wären.

Das Alte Rathaus in Eschweiler

Das Alte Rathaus in Eschweiler

Neben den in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts angefügten Seitenflügel, auf alten Fotos kenntlich an den Stichbogenfenstern, wurde die Fassade im frühen 20. Jahrhundert umgestaltet. Die unbetonte Eingangssituation erschien als unangemessen für den repräsentativen Zweck, so dass ein zentraler Eingang mit Freitreppe angelegt wurde. Diese wichtige Eingangszone wurde durch eine Kalksteinverblendung hervorgehoben. Als in der Nachkriegszeit ein, man könnte sagen, „radikaler Modernismus“ um sich griff, waren die Ideen des Denkmalschutzes schon viele Jahrzehnte alt, wirksame Gesetze gab es jedoch noch nicht. Auch in Stolberg wankten viele Baudenkmäler und nicht wenige fielen, sehr zum Bedauern folgender Generationen. Das alte Rathaus sollte auch einem zeitgemäßen Neubau weichen. Zum Glück kam es nicht dazu. Es wurde behutsam freigelegt, restauriert und mit dem dringend notwendigen Neubau vorsichtig kombiniert. Die bei dieser Gelegenheit angebrachten Fensterläden erweisen sich zwar als öffentlicher Adventskalender schöner Beliebtheit, werden dem Bauwerk aber eigentlich nicht gerecht. Die Strenge des klassizistischen Bauwerks wird gebrochen und die horizontale Breite zu sehr betont, die axiale Ausrichtung auf den Mittelbau rückt in den Hintergrund. Die ursprüngliche Struktur wies eine Ausgewogenheit zwischen Breiten- und Höhenbetonung auf, die durch die Läden gestört wird. Idee und Wirkung weisen in den Heimatschutzstil und lassen das Gebäude etwas heimattümelnd und rustikal erscheinen.

Entwurf für den Rathaus-Neubau, um 1970

Entwurf für den Rathaus-Neubau, um 1970

Die Geschichte des Neubaues zog sich schon vor der Errichtung einige Jahre hin. Die Grundsteinlegung liegt nun ziemlich genau einhundert Jahre zurück. Für die gewachsene Stadt brauchte man längst eine umfassende Erweiterung, die als „Jahrhunderthaus“ zur Kaiserzeit projektiert wurde. Die Liste der Verhinderungsgründe des ambitionierten Bauwerks ist lang: Kriegsausbruch 1914, Inflation, Weltwirtschaftskrise, Zweiter Weltkrieg. Im Jahr 1977 wurde das neue Hochhaus nach dreijähriger Bauzeit bezogen und bildet nun eine weit im Tal sichtbare Landmarke. Ein Hochhaus mit ästhetischem Wert ist an sich in dieser Größenordnung, weit diesseits von imposanten Wolkenkatzern, ein schwieriges Unterfangen. Von seiner Breitseite keine architektonische Blüte, bildet es in seiner Gesamtidee eine bemerkenswerte und gelungene Gestalt.

Das Neue Rathaus

Das Neue Rathaus

Anstatt eines 08/15-Gebildes wie zuvor geplant, ist die Streckung in die Vertikale ein gelungener Kontrapunkt zur Horizontalen des Alten Rathauses. Beide in rotbrauner Farbigkeit, das eine in klassisch-rustikalem Ziegelstein, das andere in modernem, jedoch aus der Nähe betrachtet nicht weniger rustikalem Waschbeton, bilden sie eine architektonische Einheit, ohne dass eines das andere dominiert. Die schmale Schaufassade mit der durch eine durchgehende Fensterflucht gebrochenen Oberfläche, die in einem asymmetrischen Abschluss endet und ähnlich wie die klassischen Vorbilder die Architektur mit dem städtischen Wappen bekrönt, ergänzt in moderner Weise die alte Architektur. Der über zwei Geschosshöhen reichende offene Eingangsbereich mit massiven Tragpfeilern nimmt dem Bauwerk optisch Schwere und vor allem Höhe.

Man mag den Neubau nicht als ideal betrachten, als Ergänzung des Alten Baues und vor allem im Vergleich mit belanglosen und wenig haltbaren Bausünden dieser Jahre ist es auch ein Schmuckstück. Nach Burg und Altem Rathaus bildet das Hochhaus wiederum eine augenfällige Repräsentationsarchitektur der städtischen Verwaltung einer schönen und leistungsfähigen Mittelstadt.

Mit unserem neuen Bürgermeister Dr. Tim Grüttemeier beginnt im Inneren ein neues Kapitel der Stadtgeschichte, die architektonisch eindrucksvoll ein einem klassizistischen Repräsentationsbau widerscheint und zusammen mit dem „verhinderten“ Jahrhunderthaus auf Schönheit, Leistungsfähigkeit und Selbstbewusstein der Kupferstadt Stolberg aufmerksam machen sollte.

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Mit dem Schwert gerichtet und auf’s Rad geflochten…

 

Das Hohe Gericht zu Stolberg

Wie angekündigt, möchte ich nun mit einem Beispiel der Burggeschichte darstellen, wie die Arbeit eines Historikers funktioniert. Das historische Gerichtswesen Stolbergs war bereits seit ein paar Jahren etwas ins Bewusstsein gerückt. Durch meine Untersuchung der Burg ist seine Geschichte noch etwas klarer geworden. Die historische Arbeit zeigt sich hier als Indizienkette, die an kriminalistisches Arbeiten erinnert. Man spricht ja gerne vom Geschichts-Krimi, wenn Historiker Beweise, Indizien und Befunde zusammentragen wie Kriminalermittler. Aber wie beschrieben, ist dies die übliche Tätigkeit von Geschichtswissenschaftlern, die nicht nur Quellen wiedergeben, sondern auch interpretieren und bewerten müssen.

Burg Stolberg 1544/1548 nach Egidius von Walschaple (Landesarchiv NRW R, RW Karten, Nr. 5673)

Burg Stolberg 1544/1548 nach Egidius von Walschaple (Landesarchiv NRW R, RW Karten, Nr. 5673)

Die Burg wurde bisher nicht als Gerichtsort Stolbergs wahrgenommen, was auch nicht verwunderlich ist. Bei einer Burg muss nicht zwangsläufig ein Gericht vermutet werden. Burgen hatten vielfältige und typische Aufgaben. Neben Wohnen und Verteidigen war die Verwaltung stets ein sehr wichtiger Aspekt. Und wenn zur Herrschaft ein Gericht gehörte, fand sich in Burgen auch die entsprechenden Einrichtungen. Die viel beschworenen Burgverliese zeugen davon, schließlich war das Mittelalter und die Frühe Neuzeit keine Zeit von Anarchie. Die Rechtsauslegung kann für uns willkürliche Züge haben und auch wirklich teils auch für damalige Verhältnisse unrechtmäßig gewesen sein. Gefängnisse und Folterkammern weisen aber auf Gerichtsorte hin.

Die rechtshistorische Perspektive

Frau Dr. Offergeld-Thelen hat die rechtlichen Verhältnisse Stolbergs am Ausgang des Mittelalters zum Thema ihrer Dissertation vor über dreißig Jahren gemacht. Darin wurde vieles erhellt, was die Hohe und Niedere Gerichtsbarkeit in Stolberg angeht. Sie hat aufgezeigt, dass unter komplizierten rechtshistorischen Verhältnissen dem Burgherrn Vinzenz von Efferen oder seinem Sohn Hieronymus gelungen war, das Hohe Gericht in Stolberg zu etablieren. Grundlage war ein Kurmutgericht ihrer Ländereien und Hintersassen in Büsbach. Die Niedere Gerichtsbarkeit war eine übliche Einrichtung mit festen Verhandlungsterminen. Dort wurden Vertragsangelegenheiten und anderes, vergleichbar mit dem heutigen Amtsgericht, auf lokaler Ebene verhandelt. In kleinen Orten wie Stolberg fanden die festgelegten Gerichtstage in den Bürgerhäusern der Schöffen statt.
Anders war es mit dem Hochgericht, auch Blutgericht genannt. Traditionell ist die Gerichtsbarkeit über Leben und Tod, Strafsachen für Kapitalverbrechen und ähnlich Gewichtiges Sache des Landesherrn. Damals also der Fürsten, im Stolberger Fall also des Herzogs von Jülich, heute sind es die Landgerichte. Da nun die Stolberger Herren, eigentlich nur Unterherren, dieses Recht an sich ziehen konnten (ein Ergebnis komplizierter spätmittelalterlicher Rechtsverhältnisse in Stolberg), brauchten sie auch einen Gerichtsort.

Die kunsthistorische Perspektive
Die berühmte Abbildung der Burg von Walschaple von 1544/1548 zeigt uns bekanntlich ein verbürgtes Bild der Burg zu Beginn der Frühen Neuzeit. Zu diesem Zeitpunkt muss man also mit einem Gericht auf der Burg rechnen. Als Bauhistoriker analysiere ich das Gemälde und stelle fest, dass der Bau außer der Wehrtürme nur zwei Baukörper besitzt: den großen Palas mit zwei kleinen Luken, fehlendem Dach, an dem die Schornsteine umso besser erkennbar sind. Der Zweite ist der linke kleine Anbau mit einem Geschoss, das mit zwei großen Kreuzstockfenstern ausgestattet ist – einzigartig an dem Bauwerk zu diesem Zeitpunkt. In den 1950er kam für den kleinen Anbau der Begriff „Kemenate“ auf. IN der neuen Begeisterung für die frisch umgebaute Burg versuchten sich die beteiligten Forscher daran, die Bauteile der Burg mittelalterlichen Funktionen zuzuordnen. Herauskamen irrige Begriffe wie der des Bergfrieds, der nie einer war, des Danskers, der so hier völlig unsinnig ist und eben der Kemenate.
Eine Kemenate ist im Hochmittelalter eine beheizbare Wohnstube einer Burg. Was ist notwendig, um Burgräume warm zu halten? Ein Kamin und kleine Fenster, da sonst die Wärme entweicht. Was haben wir auf dem Gemälde vor uns? Große Fenster und keinen Kamin. Dies muss also schon aus dieser Perspektive verworfen werden, mehr noch, wenn man bedenkt, dass die umfassend heizbare Burg des spätesten Mittelalters ohnehin den Typ einer Kemenatenburg verkörpert, die Komfort mit gemütlichen und warmen Räumen in allen Wohntrakten aufwies.
Dem entgegen gesetzt zeigt sich der Anbau als idealer Gerichtsbau: es ist ein eigenständiger Baukörper, der durch große Fenster auf seine besondere Funktion aufmerksam macht. Glas war teuer und in der Tradition des Mittelalters wurden Hochgerichtsstätten symbolisch in ihrer Öffentlichkeit dargestellt: große Fenster, offene Lauben oder an Gerichtstagen offene Fenster und Türen symbolisierten die Öffentlichkeit bei Strafverhandlungen. Der kleine Bau ist also bedeutender nach außen vetreten als der Palas als Stätte des Burgherrn. Und schließlich hat und braucht der Gerichtssaal keinen Kamin, Versammlungen erwärmen den Raum zu Genüge, zusätzliches Heizen käme da keinem in den Sinn.

Die bauforscherische Perspektive
Abgerundet wird die typologische Einordnung des Baukörpers durch nähere Betrachtung am Bauwerk selbst. Als ehemalige Außenmauer des Palas besitzt dieser eine zwei Meter mächtige Westwand, die an den Anbau grenzt. Dieser ist also ein jüngerer Anbau des Palas. Dieser ist ein Werk der Mitte des 15. Jahrhunderts, etwa 1445-1450. Allseits mit mächtigem Mauerwerk, er wird schließlich den wehrtechnischen Erfordernissen einer Burg noch gerecht. Der Anbau, unser Gerichtssaal hingegen, weist allseitig sehr dünnes Mauerwerk auf. Man hatte dieses Bauwerk nicht mehr so massiv errichtet, wie ein Wehrbau vermuten ließe. Zur Zeit als das Gericht zu Beginn des 16. Jahrhunderts eingerichtet wurde, war die Zeit der Burgen als Wehranlagen endgültig vorbei. Somit ist der Anbau auch kein älteres Bauwerk, als das Gericht in Stolberg Bestand hatte.

Fragstatt in einer Abbildung einer Gerichtsordnung des 16. Jahrhunderts

Fragstatt in einer Abbildung einer Gerichtsordnung des 16. Jahrhunderts

Analyse historischer Textquellen
Einen Hinweis auf das Stolberger Gericht lieferte der Freiherr von Knapp, ein Beamter im herzoglichen Dienst im späten 18. Jahrhundert. Er beschrieb für den höfischen Gebrauch die Verhältnisse Stolbergs und erwähnte, dass eben dieses Gericht „auf die Burg“ verlegt worden sei. Bisher wurde diese Aussage im übertragenen Sinn gedeutet. Es gibt aber genügend Grund, diese eindeutige Aussage wörtlich zu nehmen. Denn wenn er beschreibt, dass ein derart wichtiges Gericht „auf die Burg verlegt“ werde, steht dies absolut im Einklang mit der Nutzung einer Burg als Verwaltungs- und Repräsentationsbau. Die ältesten Hinweise auf dieses Gericht datieren ins Jahr 1532, die Gerichtsprotokolle beginnen 1548. Als man einen Übeltäter im Stolberger Territorium aufgriff, machte man ihm den Prozess, wie überliefert wird. Näheres wird nicht erwähnt, lediglich der Umstand, wie er „mit dem Schwert gerichtet und auf’s Rad geflochten“ wurde. Sprich: der Richter vollzog die Gültigkeit des Schuldspruchs mit einer symbolischen Handlung mit einem Richtschwert, das weder scharf war noch verletzte, sondern wie der Hammer fungierte. Die Strafe war nun das Aufflechten auf das Rad. Da gab es verschiedenen Prozeduren, am Ende war man nach langen Qualen tot mit gebrochenen Gliedmaßen um ein Wagenrad gewickelt und schließlich zur Abschreckung am Ende einer langen Stange auf dem Felde außerhalb der Siedlung der Verwesung anheimgegeben.
Verschiedene Autoren beschreiben im 19. Jahrhundert den Gerichtssaal und Gefängnisse auf der Burg. Natürlich sind so späte Aussagen stets mit Vorsicht, also historisch-wissenschaftlicher Kritik, zu betrachten. Unterm Strich erscheinen die Beobachtungen als glaubhaft, die den Saal als Gerichtssaal beschreiben, in dem Aktenschränke noch vorhanden waren, ja die französischen Besatzer ließen vor zweihundert Jahren mehrere Stühle von der Burg zum Friedensgericht nach Eschweiler bringen. Diese müssen besondere Gerichtsstühle gewesen sein, einfache Sitzmöbel wird man sich kaum eigens von der Burg dorthin bringen lassen müssen. Und nicht nur der Gerichtssaal, auch ein Gefängnisturm in der Nähe des äußeren Burgtores und ein Verlies unter dem Saal wurde erwähnt und können als gesichert gelten. Den ehemaligen Turm habe ich im heutigen Kräutergarten identifiziert, das verbaute Untergeschoss des Palas-Anbaus kann wirklich als Fragstatt, also als das, was wir heute Folterkammer nennen, gebraucht worden sein. Zu Prozessen und Strafen des späten Mittelalters und der Frühen Neuzeit gehörte das „Peinliche Verhör“, das ehemals hohe Gewölbe unter dem Gerichtssaal war der angemessene Ort, man konnte dort gegebenenfalls Delinquenten an Streckvorrichtungen in die Höhe ziehen und natürlich vieles mehr. Eiserne Ringe wurden vor über hundert Jahren an beiden Orten noch vorgefunden.

Abbildung eines Richtplatzes einer Gerichtsordnung des 16. Jahrhunderts

Abbildung eines Richtplatzes einer Gerichtsordnung des 16. Jahrhunderts


Topografische Hinweise

Abgerundet wird die Identifizierung Stolbergs und der Burg als Hochgerichtsstätte durch die Enkerei als mutmaßlichen ehemaligen öffentlichen Vollstreckungsort von Körperstrafen. An der Henkerei können Folterstrafen mit Feuer, Rad und so weiter wie auch der Standort des Prangers gedacht werden, der Galgenberg als Ort der Vollstreckung von Todesstrafen und Aufstellung von Galgen und Geräderten ist unbestritten.

Als Bauhistoriker habe ich verschiedene Perspektiven der historischen Forschung zu einem Gesamtbild zusammengefügt. Einzelne Aussagen mögen unsicher oder nicht vollends überzeugend sein. Aber die Gesamtheit der Indizien schafft eine Sicherheit der Interpretation. Und dies ist schließlich das Handwerkszeug der historischen Forschung, die nicht nur auf den gesicherten Einzelüberlieferungen beruht, die ja zufällig und rudimentär sind. Die Geschichtswissenschaft muss wie die Kriminalistik Rückschlüsse auf Verhältnisse und Geschehnisse ermöglichen, bei dem kein Zeitgenosse anwesend war. Dazu bedient man sich verschiedener Indizien, die geprüft, bewertet und kombiniert werden und eine umfassende Aussage ermöglichen
Historische Quellen, die die Funktion des Saals neben dem Palas beschreiben, können nicht erwartet werden. Sowas gibt es für diese Zeitstellung in vergleichbarer Weise fast nicht. Verschiedene Quellen auszuwerten und zu verbinden ermöglicht nun am Ende doch eine fundierte Aussage, die uns vergangene Zeiten etwas näher bringt.

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Was ein Historiker tut…

Carl Spitzweg, Der Bücherwurm (um 1850)

Carl Spitzweg, Der Bücherwurm (um 1850)

 

… und was nicht.

oder

Fluch und Segen eines geisteswissenschaftlichen Hochschulabschlusses

oder

Wie setze ich eine zerbrochene Vase zusammen?

Ausnahmsweise soll sich das Blog nun um ein nichtdingliches Thema drehen. Ich möchte kurz vorstellen, was einen studierten Historiker ausmacht. Vielen Menschen fällt es schwer, sich vorzustellen und zu verstehen, was die Kompetenz eines Historikers ist. Gemeint ist ein Historiker, der dies studiert hat. Also nicht, wer durch Hobby oder Beruf in die Lage kam, sich mit Geschichte auseinander zu setzen. Denn da besteht ein erheblicher Unterschied durch die professionelle Ausbildung. Ich möchte an dieser Stelle dazu einladen, etwas mehr über Historiker, ihre Ausbildung, ihre Qualifikation und ihre Arbeit kennen zu lernen. Es bestehen überall zu viele falsche Vorstellungen.

Die Schwierigkeit, die Fachkompetenz eines Historikers zu verstehen, fehlt nicht nur verschiedensten Leuten, sondern oftmals den jungen Absolventen selbst. Es ist zugegebener Maßen etwas schwer greifbar – am Anfang! Was Historiker nicht tun, ist schon mal leicht gesagt: sie schreiben nicht einfach auf, was früher passiert ist. Geschichte ist nicht Vergangenheit. Die Vergangenheit ist vergangen und kann nur von Zeitreisenden betreten werden. Historiker versuchen, sich mittels Überresten der Vergangenheit, sich ein Bild von ihr zu machen. Das ist dann die Geschichte. Sie ist ein Bild, ein Konstrukt, aufgebaut auf realen, existierenden Resten. Diese nennt der Historiker Quellen oder Archäologen Befunde. Mittels dieser Quellen und Befunde versuchen Wissenschaftler, frühere Verhältnisse zu verstehen und zu rekonstruieren. Wenn mir eine Vase zu Boden stürzt, kann ich die Scherben wieder zusammen setzen. Einige fehlen, einige setze ich falsch ein und eine funktionstüchtige Vase wird da nie wieder draus – so ist das mit historischen Verhältnissen auch. Am Ende habe ich eine mehr oder weniger klare Vorstellung, aber kenne nicht das Original.

Wie lernen Historiker das? Wenn ich Bäcker werden möchte, suche ich mir einen Meister, der mir in mehrjähriger Ausbildung beibringt, was ich als Bäcker brauche. Er klärt mich auf über Zutaten, ihre Verwendung, sagt mir, welche Zutaten welche Eigenschaften haben und wie ich damit verschiedene Brotsorten oder Teilchen zusammenbacke. Wovon mehr, wovon weniger, und nachher kann ich alleine abschätzen, wie eine neue Brotkreation zusammengesetzt sein sollte. Natürlich kann jeder mit einem Rezept oder etwas Erfahrung ein Brot herstellen, ein Bäckermeister wird aber jedem Hobbybäcker immer voraus sein. Bei Historikern ist es nicht anders. Jedoch fühlen sich viele Laien berufen, sich als Historiker zu betätigen. Das ist auch gut so, doch ihre Qualität reicht selten heran an die der professionell ausgebildeten Kollegen. Zum einen fehlt ihnen oft das Verständnis über den Unterschied von Geschichte und Vergangenheit, zum anderen fehlt ihnen grundsätzlich die Ausbildung. Als Historiker lernt man, die alten Quellen kritisch zu untersuchen. Das nennt man Quellenkritik und bedeutet, dass beispielsweise ein Text oder ein Bild auf verschiedene Aspekte hin untersucht wird: wann ist es entstanden, welche Geisteshaltung herrschte vor, welche Absicht verfolgte der Verfasser, wer war der Adressat, welche Stellung nimmt das Dokument unter zeitgenössischen Quellen ein etc. Kurz gesagt, als professioneller Historiker glaubt man nicht alles, was geschrieben steht, sondern kann mit geschultem Auge systematisch den Aussagewert einer Quelle beurteilen.

Der nächste wichtige Schritt in einer historischen Untersuchung ist die Einordnung der gesammelten und kritisch hinterfragten Quellen. Um wieder zur zerbrochenen Vase zu kommen: zuerst wurden alle Stücke auf dem Boden dahingehend untersucht, ob sie wirklich zu dieser Vase gehörten. Nun muss man beim Zusammenkleben der Einzelteile feststellen, wo welche fehlen und wo ihre Positionen sind. So wird wieder ein Gesamtwerk geschaffen, bei dem leere Stellen, wo Scherben verloren gegangen sind, nach den Regeln der Wahrscheinlichkeit geschlossen werden. Das erkennt man bei den Scherben an Form oder Muster des Dekors.

Nichtakademikern fehlt oft die Fähigkeit, diese wissenschaftliche Interpolation, also das Lückenschließen durch Rückschlüsse, angemessen umzusetzen. Oft verkommt Geschichte dann zur Chronologie, wo nur Datenreihen aufgelistet werden, ohne den Bezug der Ereignisse zueinander zu betrachten. Und das, wo dort die Geschichte erst spannend wird! Zur richtigen Einordnung von früheren Verhältnissen, so dass sie den Begriff „geschichtswissenschaftlich“ verdienen, gehört neben der Quellenkritik die Interpretation und Einordnung in die umgebenden historischen Verhältnisse. Wenn dies fehlt, findet man sich im schlimmsten Fall in nicht aussagekräftiger Chronologie wieder. Und wenn dann noch manche Scherben, um die Metapher mit der Vase nochmals zu bemühen, falsch eingesetzt werden oder gar unpassende Stücke, die nicht zur zerbrochenen Vase gehörten, hinein geraten, wird das Werk nicht den Anforderungen genügen. Das historische Werk schmeckt dann im Sinnbild des Bäckerhandwerks so, wie ein Hefezopf, bei dem der Hobbybäcker den Sinn der Hefe nicht kannte, die er braucht oder statt zum Zucker zum Salz gegriffen hat. Wie das wissenschaftliche Arbeiten im Konkreten funktioniert, werde ich in einem weiteren Beitrag anhand eines Bauteils der Burg Stolberg verdeutlichen…

Das ist natürlich keine umfassende Darstellung der Kompetenzen, die ein Historiker in seiner Ausbildung erwirbt. Es soll dabei dargestellt werden, dass gerade das Prinzip der wissenschaftlichen Untersuchung nicht einfach ein „Erforschen, was früher mal war“ ist, sondern dass komplexe Vorgänge, die man über Jahre einübt, zu den Ergebnissen führen, die wissenschaftliche Forschung ausmacht.

Was nutzt nun die Kompetenz eines Historikers? In erster Linie ist ein studierter Historiker (im Idealfall) dafür gerüstet, historische Forschung zu betreiben – das Handwerkszeug und die Erfahrung darin hat er schließlich über Jahre eingeübt und wurde nicht zuletzt dabei sehr kritisch begleitet. Dieser Umstand ist so selbstverständlich wie auch wichtig, da hobbymäßig mit Geschichte Befasste oder Aufträge in der freien Wirtschaft nach anderen Maßstäben beurteilt werden als den wissenschaftlichen. Dort spielen ideelles Engagement oder ein wirtschaftlicher Verkaufswert eine Rolle, die die Frage nach dem wissenschaftlichen Wert selten aufkommen lässt.

Ein professioneller Historiker ist jedoch in den seltensten Fällen in der historischen Forschung tätig. Der Prozentsatz von Hochschullehrern und Institutsmitarbeitern von Absolventen dürfte im niedrigen einstelligen Bereich liegen. Historiker werden tätig in Archiven, Verwaltungen, Parteien, Organisationen, Stiftungen, Gewerkschaften, Museen, in der Tourismus-Branche, im Verlagswesen, im Journalismus und und und. Dies liegt daran, dass die Kompetenz universell ist. Gerne werden Historiker als weltfremde Geschichtsbücherwürmer gesehen. Sie sitzen im Elfenbeinturm hoch über den Problemen der Welt und befassen sich mit komplizierten Fragestellungen längst vergangener Zeiten, ohne Bezug zu heutiger Gesellschaft und Notwendigkeit. Böswillig möchte man Forschung an Universitäten so charakterisieren, aber insgesamt ist es ein schlimmes Vorurteil. Ihr Studium besteht nicht aus dem Auswendiglernen von Daten, wie auch ein Geograph nicht die Flüsse und Hauptstädte der Welt im Schlaf aufsagen kann. Wie jeder Akademiker kann ein Historiker in vielen Fällen sagen, dass er nicht weiß, wie es war, aber weiß, wo es steht. Oder wie ich in meiner Laufbahn bisher festgestellt habe: ich kann nicht jede Frage beantworten, weiß aber, die richtige Gegenfrage zu stellen.

Will heißen, als Historiker erfasst man jeden Sachverhalt automatisch in allen Dimensionen und wägt alle möglichen Verbindungen, Zusammenhänge, Motive und Perspektiven ab. Man kennt nicht nur die bekannten Informationen, sondern weiß die fehlenden schnell und effizient zu erkennen. Die analytische Denkweise mit der Fähigkeit kritisch Informationen zu hinterfragen, ihren Wert einzuordnen und sie in ein System zu bringen ist die Kompetenz des Historikers, die auf viele Bereiche gesellschaftlichen Handelns übertragbar ist. Eloquenz, Fachkenntnisse, persönliche Interessen runden beispielsweise das Profil solcher Geisteswissenschaftler ab, so dass eine berufliche Verbindung zum historischen Bereich überhaupt nicht notwendig ist, um die Qualifikation eines studierten Historikers praktisch umzusetzen.

In einer immer stärker spezialisierten Gesellschaft bekommt die Geisteswissenschaft ein Problem. Ihre universelle Kompetenzlage wird zunehmend verkannt und somit werden beispielsweise Historiker wahrgenommen als Spezialisten wie Laserprogrammierer für den Leichtflugzeugbau oder Forstverwaltungsbeamte im Fichtenhochwald. Denn als Nische verstanden nach oben bemühtem Klischee des kraushaarigen Doktors zwischen Bücherstapeln über spätmesopotamische Haarnadelverschlüsse kann man schnell zu der Vorstellung kommen, ein Historiker ist nur als solcher zu gebrauchen. In Zeiten, in denen die Betätigungsfelder von Geisteswissenschaftlern selbst immer weiter an den Universitäten spezifiziert werden, wird es immer schwieriger, die Universalkompetenz zu vermitteln. So erhalten universelle Geisteswissenschaftler zunehmend ein Rechtfertigungsproblem, obwohl unsere moderne Gesellschaft auf ihrer Kompetenz mit aufgebaut wurde.

Als Historiker kann man natürlich in historischer Forschung verlorene Verhältnisse, Ereignisse, Bauwerke oder sonst was rekonstruieren wie die metaphorische Vase. Aber man kann vor allem auch viele andere Dinge des täglichen Lebens und Arbeitens in Verwaltung, Wirtschaft, Bildung, Tourismus und Publizistik effizient umsetzen.

In meiner Erfahrung ist die akademische Ausbildung Fluch und Segen zugleich. An dieser Stelle möchte ich etwas Bewusstsein dafür wecken, welche Möglichkeiten in einem professionellen Historiker verborgen liegen, der adäquat mit historischen oder aktuellen Fragestellungen umgehen kann. Sie sind ein Segen. Ein Fluch ist eine Qualifikation, die den Träger mit all seinen erworbenen und ureigenen Kompetenzen hinter einem Klischee zurückstehen lässt.

Ich danke jedem, den ich bis hier für diesen Einblick in die Welt eines jungen Geisteswissenschaftlers interessieren konnte! Und ich hoffe, zum Einen einen interessanten Einblick in das gegeben zu haben, was einen studierten Historiker in seiner Qualifikation ausmacht und zum Anderen, was seinen Wert ausmacht jenseits von theoretischer Gelehrsamkeit und historischer Perspektive.

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Historische Topographie Oberstolbergs (Teil 2)

Die historische Stadtforschung zu Stolberg ist bisher nicht weit gediehen. Die wissenschaftliche Untersuchung und fundierte Einordnung der historischen topographischen Verhältnisse ist eine schwierige Angelegenheit. Die Dokumente sind rar und von archäologischen Untersuchungen kann man in einer kleinen Stadt wie Stolberg nur träumen. Die Stadtstruktur wurde bisher wenig betrachtet, Namensforschung zu Straßen- und Flurnamen nur volksetymologisch betrieben und funktionale Zusammenhänge nur wenig untersucht. Will heißen: warum ist ein Stadtbereich wie Oberstolberg, die Altstadt, die Mühle und die namentlich eher nicht etablierte Neustadt entstanden, wie er entstanden ist. Und Namen sollte man lieber nicht erklären, in dem man einfach sagt, die Eselsgasse hat ihren Namen von den Eseln, die ihre Last zur Burg trugen und der Finkenberg heißt wegen der kleinen Vögelchen so. So etwas kann stimmen, muss aber nicht.

Oberstolberg um 1800, Meigen-Plan

Oberstolberg um 1800, Meigen-Plan

Auch im zweiten Teil des Blogbeitrags, der sich mit der Topographie Oberstolbergs beschäftigt, möchte ich daher wissenschaftlich fundierte Erkenntnisse und auch hypothetische Überlegungen vorstellen, die es erlauben, sich ein lebendiges Bild von der Entstehung des Stolberger Siedlungskerns anhand von städtebaulichen Gesichtspunkten zu machen.

Die Klatterstraße ist die wichtigste, ja fast einzige historische Straße der Altstadt nördlich der Burg. Das Areal zwischen Altstadt und Donnerberg musste ja schließlich frei von Bebauung bleiben und so blieb zur Siedlung nur der schmale Streifen zwischen Felshang und Vichtbach. Die Burgherren hatten für ihre kleine Siedlung wahrhaft den kürzeren gezogen: das rechte Vichtbachufer ist durchgehend weitaus schmaler als die Seite der Äbte, die eine breitere Talaue unter ihrer Herrschaft hatten. In der Klatterstraße kann man wohl eine alte Hauptverbindung sehen, die nicht nur auf den Donnerberg führte, sondern auch im Verlauf der Bergstraße Richtung Unterstolberg. Hier lag schließlich seit mindestens 1550 eines der ältesten Gehöfte Stolbergs, das als Landgut Blankenberg vermutlich im herrschaftlichen Besitz eine zentrale Rolle als Fronhof einnahm. Da es der Überlieferung nach der einzige Hof war, der einigermaßen brauchbare Wiesenflächen beinhaltete, hatte er unter den Kupferhöfen später eine eigentümliche Geschichte und wäre wohl ein lohnendes Beitragsthema, wenn man nun mehr über diesen leider verschwundenen Hof in Erfahrung bringen könnte…

Nun, dieser Hof war über die Klatterstraße erreichbar, was man auf dem Donnerberg wollte, sei bei dem unfruchtbaren und steinigen Terrain dahingestellt. Ob der Weg zum Transport von Kohlen aus dem Eschweiler Inderevier verwendet wurde, wäre rein spekulativ. Der Name Klatterstraße lässt sich nicht zuverlässig deuten. Eine Herleitung von „klettern“, da sie recht steil den Hang hinaufsteigt, liegt nahe und ist damit ebenso einfach wie gefährlich. In der Übersetzung von Fremdsprachen nennt man solche scheinbar einfachen Übersetzungen mit Recht „falsche Freunde“. Da ist dem Historiker Vorsicht geboten, weshalb diese Frage hier nicht weiterverfolgt werden soll. Die ersten Meter der heutigen Klatterstraße bis zur Burgstraße waren früher vermutlich nicht Teil der Straße, sondern freies Ufergelände, wo die Furt für Karren und Lasttiere mündete. Schließlich gab es ursprünglich nur einen Steg, neben dem eine Furt für größere Transporte lag.

Unauffällig, doch nicht zufällig, mündet ein kleiner Weg in die Klatterstraße. Er führt hinab von der Katzhecke und ist eher eine sehr lange Treppe, als ein Weg. Er markiert im oberen Teil wohl die Grenze des Burgfriedensareals, das bis heute durch die hohen Stütz- und ursprünglichen äußeren Schutzmauern der Burg zu erkennen ist. Seit Jahrhunderten wird dieser Weg außen ums Burggelände herum genutzt, musste vermutlich genau wie der Luciaweg freigehalten werden. Genau so schmal diente er vielleicht in erster Linie der Umrundung des Burggeländes zu Kontrollzwecken. Sicherlich wurde der Weg gerne als fußläufige Verbindung zur Kirche und ihrem Friedhof verwendet. So musste der Weg selbst frei bleiben, als ein Haus auf der Parzelle ihn überspannte und nun für die meisten Auswärtigen und selbst manchen Stolberger nicht anzeigt, das er als öffentlicher Weg zwischen Gärten hindurch zur Burg hinauf führt. Dieser kleine Weg mündet nun genau dort in die Klatterstraße, wo die Mühlenstraße hinüber zur ehemals abteilichen Seite führt. Ob diese Straße tatsächlich seit Zeiten des ausgehenden Mittelalters dort besteht, ist nicht sicher. Wenn dem so ist, haben wir dort wieder einmal eine alte Wegekreuzung vor uns. Heute unauffällig und alles andere als wichtig, damals eine Kreuzung der wenigen Wege und damit von Bedeutung.

Zwangs- und Bannmühle 1544/1548, Egidius von Walschaple

Zwangs- und Bannmühle 1544/1548, Egidius von Walschaple

Wahrscheinlich entwickelte sich nun diese Kreuzung um einen besonderen Gebäudekomplex, der genau am Fuß der Burg am Ende des kleinen Wegs schon von Egidius von Walschaple abgebildet wurde. Ältere Deutungen gehen davon aus, dass der Kupferhof Enkerei zu sehen ist. Es fehlen aber Kamine, die zur Verhüttung unerlässlich sind. Wahrscheinlicher ist daher, dass die damalige Zwangs- und Bannmühle der Herrschaft abgebildet ist. Sie war der Vorgängerbau der uns als Arnoldsmühle bekannten Getreidemühle. Sie wurde bereits 1496 erwähnt und war für den Burgherrn und seinen Burgflecken eine wichtige Einrichtung. Sie war die einzige Getreidemühle, wo die Stolberger gezwungen waren, gegen Gebühr ihr Korn mahlen zu lassen. Der Bann bezeichnete die rechtliche Monopolstellung der Mühle, der Zwang die Ausschließlichkeit ihrer Nutzung. Jeder musste dorthin, um sein Getreide zu mahlen, die Gebühren strich der Burgherr ein. So praktisch wie auch normal damals. Damit ist dieses Bauwerk wahrscheinlich Stolbergs ältestes Steingebäude außer der Burg.

Wenig weiter findet sich die schon erwähnte Enkerei. Da hier auch ein Kupferhof stand, könnte das alte Wort „enkeren“ in der Bedeutung von „verwandeln“ auf die Weiterverarbeitung von Metallwaren hinweisen. Schlüssiger noch ist die Deutung, die sich eindeutig aus Schreibungen des 17. Jahrhunderts ergibt, als man den Bereich als „Henckerey“ bezeichnete. Der öffentliche, etwas abseits der Burgsiedlung liegende Bereich kann durchaus als Stätte des Vollzugs von Körperstrafen genutzt worden sein. Auf der Burg fand sich das Gericht, in der Vorburg der Gefängnisturm und schließlich an dieser Stelle der Ort von Pranger, Räderungen und allen anderen schmerzhaften und grausamen Traktierungsmaßnahmen. War der Delinquent schließlich unter Qualen aus dem Leben gebracht oder sollte am Strang enden, führte der Weg den Berg hinauf zum Galgenberg. Diese seit dem 19. Jahrhundert untergegangene Flurbezeichnung des Terrains am Trockenen Weiher spricht für sich. Galgen und Räder mit aufgeflochtenen Toten wurden dort auf hohen Ständern Tieren und Verwesung anheim gegeben. In der Nähe lag gleich auch die Schindskaul, ein häufiger Name für die Gruben, worin tierische Reste oder eben auch Überreste Dahingestreckter verscharrt wurden. Selbst der Halsbrech könnte auf mehr als nur versehentliches Zutodestürzen hinweisen, denn zu guter Letzt kann die Anlage des neuen Friedhofs dort vielleicht sogar auf alter Tradition beruhen – wenn nicht absichtlich, dann doch dadurch, dass dieser Berghang seit jeher zu unfruchtbar für jedwede Nutzung war.

Zum Abschluss der Topografie Oberstolbergs werfen wir einen Blick auf das linke Vichtufer. Dieses unterstand der Herrschaft der Äbte von Kornelimünster, wenn auch der Talgrund weitgehend Eigentum der Burgherren war. Die Siedlung ihrer Untertanen beschränkte sich somit auf die rechte Seite, lediglich die unabhängigen Kupfermeister nutzten beide Seiten nach Belieben – Konkurrenz belebt das Geschäft! Der Neue Markt, der heutige Willy-Brandt-Platz, wurde erst später um 1850 angelegt. Zuvor war der Bereich von Einzelhöfen geprägt, in denen Produzenten von Messing oder Tuchen saßen. Der einzige befestigte Verbindungsweg zu den Kupferhöfen und Betrieben des nördlichen Stolberger Tals war „der“ Steinweg. Aachen besaß beispielsweise den Kölnsteinweg (die heutige Jülicher Straße) den Adalbertsteinweg unter einige mehr. Was machte einen „Steinweg“ aus? Es war ein Weg außerhalb der Stadt, in der es hingegen „Straßen“ und „Gassen“ gab. Aber er war gepflastert. Der Steinweg war also eine außerörtliche Wegverbindung zwischen Altstadt und Mühle. Ein wichtiger Abzweig war die Stielsgasse, die in erträglicher Steigung die Altstadt über den Steinweg mit Münsterbusch verband. Vermutlich stand sie in Tradition schon römer- oder keltenzeitlicher Wege, die von Atsch über Münsterbusch am Burgfelsen vorbei, den Hammerberg hinauf nach Gressenich führte. Aber das römische Stolberg soll ein andermal thematisiert werden…

Am Steinweg, zwischenzeitlich umständlich wie in alter Denkweise nun als innerstädtische Straße verstanden „Steinwegstraße“ genannt, folgte nur spärlicher Bebauung des 18. Jahrhunderts erst seit dem 19. Jahrhundert eine umfassende Besiedlung. Dies war der Beginn einer urbanen Entwicklung zu einer zusammenhängenden Stadtgestalt, die ein neues Zentrum hervorbrachte, neue Wohnstraßen und repräsentative Bauwerke. Die Neustadt war geboren und verband die alten Siedlungszentren von Altstolberg und Mühle.

Die Altstadt in der Frühen Neuzeit ist ein in sich geschlossener Stadtraum, der zwar Mauern entbehrte, da Stadtrecht erst 1856 den Stolbergern zugestanden werden konnte, aber eine gewisse funktionale Struktur aufwies. Der kleine Burgflecken besaß eine eigene Ordnung, die Mühle war davon getrennt und ebenso wie der Hammer und die dazwischen liegenden Bereiche von vorindustriellen Produktionsstätten geprägt und gehorchte damit anderen Anforderungen und Gesetzmäßigkeiten als die Altstadt.

Kategorien: Altstadt | 2 Kommentare

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