Die Burg der Bürger

Der Burgverein und der Wiederaufbau 1950-1954

Die Burg, wie sie Moritz Kraus hatte erstehen lassen und den Stolbergern zum Geschenk gemacht hatte, bot am Ende des 2. Weltkriegs keinen schönen Anblick. Innen war vieles im Rohbauzustand, Türme waren einsturzgefährdet, Granaten hatten die Burg beschädigt, ein Tarnanstrich gab ihr eine fleckige Erscheinung und obendrein hatten die Stolberger in ihrer Not Dachziegel und Zinkplatten von den Dächern entwendet. Im Wiederaufbau hatte die Stadt dringende Aufgaben, die Burg hatte keine Priorität. Ja ein Abbruch war eine mögliche Option für das sanierungsbedürftige Bauwerk. Die Burg war in einem erbärmlichen Zustand und vielfach gefährdet.

Die Burg 1945 (Bild: Stadtarchiv)

Die Burg 1945 (Bild: Stadtarchiv)

Nach einer Besichtigung der Burg am 2. Juni 1950 gründeten Bürger den Verein zur Rettung und dem Wiederaufbau der Burg. Nach Kraus, dessen 100. Todestags wir dieses Jahr gedenken, nun die zweite Rettung. Diese Tage jährt sich die Gründung des Burgvereins zum 65. Mal. 1487 Menschen fanden sich in dem Verein zusammen. Dr. Franz Willems, Rektor des Mädchengymnasiums, Leiter der Stadtbücherei und Heimatkundler, hatte engagierte Bürger um sich versammelt, die Rettung aktiv in die Hand zu nehmen. Bei der Gründungsversammlung und zu anderen Gelegenheiten hielt er viel beachtete historische Vorträge, um die Geschichte Stolbergs und der Burgherren zu beleuchten. Er schaffte als Sprecher des Vereins den ideellen und wissenschaftlichen Rahmen für das Unterfangen „Wiederaufbau“. Stadtbaurat Dahmen zeichnete für die bauliche Umsetzung verantwortlich, Architekt Heinrich Bildstein unternahm bauarchäologische Untersuchungen und erarbeitete Rekonstruktionsversuche.

Aber so ein Projekt ist kostspielig und üppig waren die Mittel zu Beginn der 1950er Jahre nicht bemessen. Die Aussicht auf Landesmittel war schnell dahin. Der zuständige Landeskonservator bestand auf einen Außenverputz, gegen den man sich in Stolberg stemmte. So wurden erst einmal Sammlungen in Stolberg veranlasst. Schüler verkauften an allen Haustüren Siegelmärkchen zu je 10, 20 und 30 Pfennig, die mit historischen Bildern der Burg und dem Konterfei Kraus‘ gestaltet waren. Innerhalb von vier Junitagen ergab der Verkauf 2235 D-Mark. Die Zahl der Spender spiegelt wieder, dass fast jeder Stolberger Haushalt das Projekt unterstützte. Weitere Sammlungen und Benefizveranstaltungen erbrachten ähnliche Beträge, die man als Vergleich zum heutigen Euro-Wert etwa verfünffachen kann. Die Stadtverwaltung begrüßte das Engagement und unterstützte die Finanzierung durch Vervielfachung der Geldmittel. Der Baubeginn war im November 1950 und zog sich nun über vier Jahre. Pro Jahr wurden 40.000 D-Mark verbaut, angefangen von Sicherungen und Abbrüchen bis hin zu neuen Dächern und Umgestaltungen. Allein an Schiefer für die abgedeckten Dächer wurden 40 t für 9.000 D-Mark angeschafft.

sogenannte Siegelmarken für die Spendensammlung von 1950

sogenannte Siegelmarken für die Spendensammlung von 1950

Die Idee hinter dem Umbaukonzept war, das unverstandene Werk der Burgenrenaissance der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu purifizieren, um dem Charakter des 16. Jahrhunderts wieder näher zu kommen. Gründe und Streiter, die dem widersprachen, gab es auch. Sicherlich meinte man es auf beiden Seiten gut, diejenige der Erneuerer gab der Burg ihre imposante heutige Gestalt, die sie so nie hatte, aber seit nunmehr 60 Jahren alle Besucher begeistert. Jedoch wissenschaftshistorisch war dies eine Ausnahme, die dem Gedanken des Denkmalschutzes zuwiderlief, wie er seit 1900 in fortschrittlicher Weise entwickelt wurde. Konservieren sollte das Mittel der Wahl sein, von Rückbauten und Rekonstruktionen rieten internationale Bauhistoriker und Denkmalpfleger grundsätzlich ab. Es ist gut, dass Kraus‘ Werke nicht vollends abgebrochen wurden, doch ihre Überprägung brachte sie während des Umbaues in eine Form, die sie nie hatten: so hatte der Große Turm unter Kraus kein Zeltdach und zuvor hatte er in dieser Form ja nicht bestanden. Damit stellt er mit dem neuen Dach eine Neuschöpfung dar, keine Rekonstruktion. Für unseren Umbau möchte ich somit den sonst nicht gebrauchten Begriff „posthistoristisch“ verwenden, da Willems, Dahmen und Bildstein im Grunde dieselben Ideen leiteten wie Kraus seinerzeit: ein „echtes“ Mittelalter sollte in der Architektur wieder auferstehen, obwohl die Formen teils vollkommen neu waren. Es ist natürlich schön, die Renaissancehaube des Westturms seit 1953 für 16.000 D-Mark rekonstruiert wieder als Landmarke betrachten zu können. Von weiter reichenden Umgestaltungen, die Bildstein für alle Fassaden mit völlig neu konzipierten Fensteranordnungen und -gestaltungen visualisierte, sah man glücklicherweise ab. Auch die Ausstattung mit Schlagläden an den Fenstern wurde mehrfach überdacht, man entschied sich für eine teilweise Variante am Hauptgeschoss.

Entwurfszeichnung 1951, teils ausgeführt, H. Bildstein (Bild: Hochbauamt)

Entwurfszeichnung 1951, teils ausgeführt, H. Bildstein (Bild: Hochbauamt)

Stadtdirektor Eduard Voss stellte 1952 auf einer öffentlichen Versammlung die Vision der Burg als Zentrum der Kultur und Jugendarbeit vor. Vieles hatte man vor mit dem prominentesten Bauwerk in der Stadtmitte. So wünschte man sich den Rittersaal als Ort für kulturelle Veranstaltungen und weitere Räume sollten dauerhafte Ausstellungen aufnehmen. Alte und neue Kunst sollte Platz finden, aber auch historische Ausstellungen. Willems begründete die Reihe der „Beiträge zur Stolberger Geschichte und Heimatkunde“, die von der Stadtbücherei herausgegeben wurden – heute allen Interessierten bekannt als die lange Reihe der gelben Büchlein mit dem Charme der 50er Jahre. Wie Willems in seiner ersten der Reihe von heimathistorischen Veröffentlichungen schrieb, sollte die Burg „ein Haus der Geschichte werden und Fäden knüpfen zwischen einst und jetzt, denn auf dem Burgfelsen begann Stolbergs Geschichte“. So sollten die Burgräume auch ein Museum der Burggeschichte beherbergen, eines der Stadtgeschichte sowie industriehistorische Ausstellungen mit historischen und zeitgenössischen Objekten der Stolberger Messing- und Glasherstellung. Zu guter Letzt stellte man sich das Obergeschoss des Palas als Jugendherberge vor.

Umbau 1953

Umbau 1953

Die Fertigstellung des Burgumbaues wurde 1956 zusammen mit einem doppelten Stadtjubiläum tagelang gefeiert. Stolberg hatte nun wieder, dank der Initiative des Burgvereins, ein stolzes Wahrzeichen und die Verleihung der Stadtrechte durch die preussische Regierung 1856 jährte sich zum 100. Male. Das große Etikett „800 Jahre Stolberg“ hatte man sich jedoch etwas zurechtgerückt. Willems hatte sich darin verdient gemacht, Stolbergs Geschichte in einer Aufstellung der chronologischen Ereignisse und Übersetzung vieler mittelalterlicher Urkunden umfassend zugänglich zu machen. Die erste Nennung Stolbergs datiert nun ins Jahr 1118, und das war ihm somit bestens bekannt. Für einen schönen Stadtgeburtstag stellte man nun eine kaiserliche Urkunde Barbarossas von 1156 in den Vordergrund, die nun ein 800jähriges Jubiläum rechtfertigte.
Gerade in diesem Jahr hat dieser Umstand für Verwirrung gesorgt, kündigte die Stadtverwaltung doch an, im Jahr 2018 Stolbergs 900jähriges Bestehen feiern zu wollen. Da fragten einige Stolberger, die weit davon entfernt sind, selbst 100 Jahre alt zu sein: wie kann eine Stadt binnen einer Lebensspanne zwei runde Jubiläen begehen? Nun, diese Frage ist ja leicht geklärt. Was aus den ambitionierten Plänen für die Nutzung der Burg angeht, sind wir über das Ergebnis informiert, die Gründe liegen noch im Dunklen. Die Pläne einer Jugendherberge wurden schnell verworfen, baulich war dies ein Hirngespinst. Doch die sinnvollen Pläne von stadthistorischen Ausstellungen wurden nicht weiterverfolgt, man konzentrierte sich auf die Stolberger Industriegeschichte, die natürlich ein besonderes Gut für uns ist.

Kurz vor Fertigstellung 1954 (Bild: Stadtarchiv)

Kurz vor Fertigstellung 1954 (Bild: Stadtarchiv)

So wie die Burg nach 50 Jahren wiederum durch private Initiative strahlend bunte Schlagläden an den Fenstern erhielt, wie man sie auch schon zu Zeiten des Burgvereins in den 1950ern angebracht hatte, werden wir hoffentlich auch spätestens zum Stadtjubiläum 2018 endlich eine Ausstellung mit allen markanten Aspekten der Stadtgeschichte vorstellen können. 1950 musste gehandelt werden und engagierte Bürger haben angepackt und schafften es, den besonderen Wert der Burg für Stolberg herauszustellen. Für einige Jahre sank wiederum das Interesse, bis von 1985 bis 1987 nun 2,3 Millionen D-Mark verbaut wurden, um die Burg innen wie außen umfassend nutzen zu können. Seit einigen Jahren erleben wir nun wieder eine Zeit, in der man sagen kann: auf der Burg passiert etwas, ihre Bürger entdecken sie und nehmen sie für sich auf vielen Ebenen des Interesses in Besitz.

Die Burg 1975

Die Burg 1975

Moritz Kraus hat als letzter „Burgherr“ für ihre Wiederauferstehung gesorgt. Seit 1909 ist die Burg eine Bürgerburg, die seit 1950 wieder und wieder von neuen Generationen von Stolbergern entdeckt und neu für sich gewonnen werden muss. Jeder Burgherr hat schwere Pflichten an seinem anspruchsvollen Bauwerk, aber auch große Freude. In großer Not hat der Burgverein die Initiative ergriffen und ganz Stolberg half mit. Aber eigentlich ist ganz Stolberg ein Burgverein und wir alle sind Burgherren.

Werbeanzeigen
Kategorien: Altstadt, Bauwerk, Burg | Hinterlasse einen Kommentar

Beitragsnavigation

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Erstelle eine kostenlose Website oder Blog – auf WordPress.com.

%d Bloggern gefällt das: